Altwerden
On the road
Solange ich Ziele habe und Menschen, denen ich davon erzählen kann, werde ich nie im Bermudadreieck Fernsehsessel-Küche-Bett verschwinden.
Von Katharina Kehl
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Nimmt man die allgemein gestiegene Lebenserwartung und meine in der Hinsicht überaus vorteilhaften Gene zusammen, werde ich ungefähr 100 Jahre alt werden.
Ich stelle mir das in etwa so vor: Ich lebe mit meiner Frau im "Alten Land", angenehm nah an , aber doch ländlich. Unser großes, liebevoll renoviertes Bauernhaus bietet jede Menge Platz für die Besuche unserer zahlreichen Enkelkinder, die toben dann im großen Garten. Ihre gestressten Eltern sind dafür sehr dankbar, die Einführung der 50-Stunden-Woche setzt sie doch sehr unter Druck. Ich hingegen veröffentliche nur noch ab und an einen Text in einer überregionalen Zeitung. Die Honorare gehen in die jährliche Reisekasse.
Da sind ja noch die Träume, die bisher unerfüllt blieben: der Outback von , natürlich zu Fuß, oder die , am besten mit dem Motorrad. Mindestens einmal im Jahr fahren wir in die , Skifahren in – in den gibt es ja leider keinen Schnee mehr. Den Sommer verbringen wir mit den Enkeln in unserem Ferienhaus in den Schären vor Göteborg.
Reisen ist für mich die angenehmste Art, jung zu bleiben. Selbst ein mit vielen Reisen verbundener Job kann mich sicher nicht an alle Orte der Welt führen, die ich gerne sehen will. Als Rentnerin habe ich die Zeit, mich mit der Kultur eines Landes auseinanderzusetzen. Die Sprache zu lernen. Ein paar Wochen dort zu verbringen und die Leute kennenzulernen. Dann fahre ich wieder zurück in mein Häuschen ins , bringe meinen staunenden Enkelkindern exotische Dinge mit, wische die Bedenken meiner Kinder zur Seite und fange an, die nächste Reise zu planen. Solange ich Ziele habe und Menschen, denen ich davon erzählen kann, werde ich nie als gelangweilte Alte im Bermudadreieck Fernsehsessel-Küche-Bett verschwinden.
Mein Berufsleben werde ich vermutlich in Büros, häufig unterwegs und fern meiner Familien verbringen. Deshalb möchte ich im Alter das nachholen, was mir wichtig ist, aber nicht immer mit dem Job vereinbar war. Dabei steht an erster Stelle, viel Zeit mit den Menschen zu verbringen, die ich liebe. Das werden Freunde sein, aber hoffentlich auch Kinder und Enkelkinder. Ich sehe mich als Großmutter, die ihre Enkel in Museen schleift und auf ausgedehnte Wanderungen durch die Natur. Die ihnen Dinge über Gartenarbeit, Geschichte und Politik beibringt und vielleicht ihr Interesse dafür weckt. So wie es mein Großvater bei mir getan hat. Zum Plätzchen backen und Kochen hingegen müssen sich andere finden – nicht mein Fachgebiet.
Zu Weihnachten versammele ich die ganze Meute in meinem Haus und schaue voller Stolz den ersten Klavierübungen der Kleinen zu. Ob dieses Haus dann wirklich im Alten Land steht oder in der westfälischen Provinz, ist nicht wichtig. Hauptsache, es bietet viel Platz und steht im Grünen. Das Leben in der Stadt mag seine Vorteile haben. Im Alter aber möchte ich unbeobachtet in der Sonne liegen können, abends im Garten essen und selbigen aufopferungsvoll pflegen. Einmal Dorfkind, immer Dorfkind. Außerdem, was sollte ich mit meinen zahlreichen Enkelkindern in einer Stadtwohnung anfangen? Die würden nur das Porzellan zerdeppern und meine Häkeldeckchen in Unordnung bringen
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