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Maritimes Museum

Zerstörer, kritisch gefasst

Das neue Hamburger Seefahrtsmuseum ist umstritten – manche empfinden es als kriegsverherrlichend. Wir baten die Hausherrin und eine Kritikerin zum gemeinsamen Rundgang.

In der Eingangshalle des Internationalen Maritimen Museums riecht es nach frisch geölten Dielen. Draußen ist Sommer, drinnen stehen Besucher in Sandalen und Dreiviertelhosen vor der Kasse an. "Was möchten Sie denn gerne sehen?", fragt Russalka Nikolov. Die Hausherrin trägt Hosenanzug. Über eine randlose Brille schaut sie skeptisch auf die Gäste, die gekommen sind, um das neue Museum zu besichtigen. Nikolov, die Geschäftsführerin der Sammlung, wirkt größer als sie ist – nicht nur durch die beigen Pumps. Das hier ist ihre Lobby, ihr Haus.

Ulrike Bergermann ist etwas kleiner als Nikolov – und nicht nur, weil sie Turnschuhe trägt. Mit ihrer struwweligen Kurzhaarfrisur wirkt die Medienwissenschaftlerin jünger als es ihr Doktortitel vermuten lässt. "Mich interessieren nicht nur die kriegbezogenen Exponate, sondern das Verhältnis von dem, was Kritiker als gewaltverherrlichend bezeichnen und dem Rest", sagt sie mit faktischer Stimme. Bergermann ist seit vier Jahren in die Kontroverse um das Museum verwickelt. Als Teilnehmerin der Aktion "Künstler informieren Politiker" hatte sie mit Hamburger Abgeordneten darüber gestritten, ob man die Schiffahrts- und Marine-Sammlung von Peter Tamm wirklich mit 30 Millionen Euro subventionieren und in einem großen Museum der Öffentlichkeit präsentieren sollte – genau das hatte die Hamburger Bürgerschaft zuvor beschlossen.

Tamm hatte der Stadt nie ein Museumskonzept vorgelegt, die Hamburger Regierung kein Mitspracherecht bei der Gestaltung eingefordert. Deshalb befürchteten die Kritiker, das hoch subventionierte Projekt könnte zur unkritischen Militärschau verkommen: ein Privatmuseum, in dem der ehemalige Springer-Vorstandsvorsitzende Tamm auf 12.000 Quadratmetern sein revisionistisches Geschichtsbild präsentiert. Auch ich war 2004 an der Aktion beteiligt und möchte nun wissen, ob die Sorge berechtigt war. Ich treffe Nikolov und Bergermann, um gemeinsam durch die Ausstellung zu gehen.

Eine Stunde und drei Stockwerke später stehen wir im Treppenhaus unter einem Vier-Meter-Modell der "Wappen von Hamburg". Nikolov war bisher eine höfliche, wenn auch kühle Hausherrin gewesen. Jetzt verliert sie zum ersten Mal die Fassung. "Wie rechtfertigen sie es eigentlich vor sich, Lügen über unschuldige Menschen zu verbreiten?", fragt sie Bergermann und in ihrer Stimme mischen sich Trauer und Sorge, als habe sie ein Kind bei einer Notlüge ertappt. Die Künstlergruppe "Feld für Kunst" , in der auch Bergermann involviert ist, hatte vor der Eröffnung Aufkleber mit gefälschten Zeitungsmeldungen in der Stadt verteilt; auf einem stand, die Reeder-Familie Schües werde dem Museum Bilder stiften, die aus dem Besitz von Hermann Göring stamme n. Bergermann verschlägt es kurz die Sprache, ihre Stimme wird schrill: "Das ist eine strategische Lüge, die darauf hinweist, dass es hier kriegsverherrlichende Objekte gibt", sagt sie schließlich und reckt kämpferisch das Kinn. "Das macht mir jetzt Angst", sagt Nikolov und schaut in meine Richtung. Dann wendet sie sich mit einem sorgenvollen Blick zurück zu der uneinsichtigen Bergermann. Am liebsten würde sie diese wohl zum Nachdenken in die Ecke schicken. Da das nicht möglich ist, seufzt Nikolov und setzt die Tour fort

Über eine frisch geölte Holztreppe erreichen wir das vierte Deck und betreten einen Raum voller uniformierter Schaufensterpuppen. "Dieses Deck ist eine Art Schaudepot, in dem wir Waffen, Uniformen und Orden, also Zeichen der Militärgeschichte zeigen, aber meiner Meinung nach ganz kritisch gefasst," hatte Nikolov vorher in der Lobby angekündigt. Auf dem Schild am oberen Treppenabsatz steht "Dienst an Bord: Im Zeughaus der Geschichte", nicht " Zeichen der Militärgeschichte".

Nikolov, die vorausgegangen war, macht abrupt vor der Vitrine mit historischen Kopfbedeckungen halt. Dieses Deck erzähle keine Geschichten, es zeige lediglich die Objekte, sagt sie. "Es gibt ja viele Menschen, die das interessiert, die Mützen, Uniformen und Abzeichen. Je mehr Krieg, desto mehr Lametta", sagt sie im ironischen Tonfall. Sie teilt die Begeisterung nicht, scheint sie uns signalisieren zu wollen.

Hinter den Kopfbedeckungen folgen Vitrinen mit Orden und Ehrenzeichen. "Diese bilden einen eigenen Schwerpunkt innerhalb der Sammlung des Museums," steht im kleinen Handbuch, das unten an der Kasse ausliegt. Eine nach der anderen schreiten wir die großen Schauvitrinen ab. Vor einer macht Nikolov wieder halt. Auf dunkelblauem Samt blitzen im Licht der Halogenleuchten die gesammelten Ehrenabzeichen der Admiräle Otto Weddingen und Otto Schniewind . Über Schniewind, Hitlers Generaladmiral im zweiten Weltkrieg, informiert ein postkartengroßes Schild: "1940 Vizeadmiral, von 1941 bis 1944 Flottenchef und ab 1943 zusätzlich Oberbefehlshaber des Marinegruppekommandos Nord. Von 1944 bis 1945 gehörte er als Generaladmiral zur Führerreserve." Dass Schniewind auch in den Nürnberger Prozessen als Kriegsverbrecher angeklagt und freigesprochen wurde, steht dort nicht. "Schauen sie mal, wir haben da auch so witzige Sachen reingebracht," sagt Nikolov und tippt mit dem Zeigefinger auf eine Packung Bohnensamen, die zwischen den preußischen Orden klebt. Die Sorte heißt "Weddingen", zusammen mit dem Abbild des Admirals auf einer Tafel Sarotti-Schokolade illustriert sie in der Vitrine die damalige "Heldenverehrung"

"Mich interessiert, wie Präsentationsformen Inhalte mitbestimmen", hatte Bergermann vorher im Cafe gesagt. "Raumkonzepte, Beleuchtung, Zuschauerführung, das prägt, wie wir sehen und was wir am Ende wahrnehmen." Bergermann, die gerade zum Thema 'Wissensprojekte. Kybernetik und Medienwissenschaft' habilitiert, will erforschen, "wie Wissen durch ein Museum generiert wird". "Geschichte kann man nicht neutral präsentieren," sagt sie. Die Frage sei, aus wessen Sicht das Museum die historischen Ereignisse zeige.

"Gibt es auch Tafeln, die zeigen, welcher Admiral welche Verbrechen begangen hat?" fragt sie während wir weiterschlendern. Diesmal reagiert Nikolov gelassen. "Das ist doch jedem bekannt, was die Verbrechen waren," sagt sie ohne sich umzudrehen. Das müsse man doch nicht noch dazuschreiben..

Ähnlich reagiert Nikolov wenig später im Waffensaal auf Bergermanns Einwand, die glänzenden und golden angestrahlten Säbel, Dolche und Degen in den Vitrinen könnten den Eindruck erwecken, Waffen seien "etwas Schönes und Tolles." "Eine Waffe ist eine Waffe, ob sie nun im Dunkeln liegt oder beleuchtet wird", sagt Nikolov im ruhigen Tonfall.

Wir erklimmen eine weitere Holztreppe und erreichen das fünfte Deck, von Nikolov scherzhaft "der böse Boden" genannt. Bis zuletzt war dieses Geschoss mit dem Namen "Krieg und Frieden. Marinen der Welt seit 1815", nicht zugänglich gewesen. Selbst bei der Pressekonferenz zwei Tage vor der Eröffnung wurde den JournalistInnen und FotografInnen der Blick auf die Präsentation der hier gesammelten Kriegsschiff- und U-Boot-Modelle verwehrt. Stattdessen zeigten Tamm und Nikolov weniger brenzlige Themen wie Tiefseeforschung und die Geschichte des Schiffsbaus.

Schweigend gehen wir über das Deck, die alten Dielen des Kaispeichers knarren laut unter unseren Schritten. Nur einmal noch bleibt Bergermann stehen, vor dem Modell des Schiffes "Goetzen", benannt nach dem ehemaligen Gouverneur der Kolonie Deutsch-Ostafrika. Die Zeitschrift Stern habe daran kritisiert, dass man nicht erfahre, dass Graf Götzen für 200.000 tote Sklaven verantwortlich sei und dass das Schiff im Ersten Weltkrieg als Kriegs- und Gefangenschiff diente, sagt sie. Nikolov wirkt müde, sie rückt ihre Brille zurecht und beugt sich lange schweigend zu der Tafel. Vergeblich, es findet sich tatsächlich kein Hinweis. Dann sagt sie: "Ich kann nicht behaupten, dass wir alles erfasst haben. Das wäre ja auch unmöglich."

"Unser Wunsch ist, zu fragen: Was hat der Mensch eigentlich gelernt aus den Vernichtungskriegen und warum hört er nicht auf? Das ist die Aussage dieser Etage," hatte Nikolov zuvor in der Lobby gesagt. Sie hoffe, dass das mit der Präsentation gelungen sei. Als wir uns nach über zwei Stunden erschöpft voneinander verabschieden, komme ich auf dem Rückweg noch mal hier vorbei. Ein kleiner Junge von etwa fünf Jahren robbt auf Knien vor einer Vitrine mit deutschen Zerstörern herum. "Papa, das ist das größte Kriegsschiff, das ich je gesehen habe!", freut er sich. "Hhhhm, isn Zerstörer," nuschelt Papa und liest weiter interessiert die Aufschriften in der Vitrine. Der Junge hüpft weiter, "guck mal, nochn Kriegsschiff. Und noch eins."

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