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Asyl

Mit Aktentasche, ohne Papiere

TEIL 2

Valentin, der Asylbewerber, wirkt hier nicht deplatziert. Niemand käme auf die Idee, er gehörte nicht hierher. Im Gegenteil: So präzise kopiert er die Gestik anderer Geschäftsmänner, dass er in der luxuriösen Lobby des Europa vollkommen in seinem Element scheint: Wenn Valentin schwitzt, wischt er sich nicht mit der Hand über das Gesicht, sondern tupft es sich sauber mit einem Taschentuch ab. Er spricht mit dem Personal auf Englisch, obwohl sein Deutsch mehr als respektabel ist. Auch sonst ist er ausgesprochen zuvorkommend: Merkt Valentin etwa, dass einem Gast die Zigaretten ausgehen, greift er sofort in die Innentasche seines Anzugs und zaubert ein Etui mit selbst gestopften Kippen hervor.

Dank dieser kleinen Gesten fällt es ihm leicht, mit anderen Menschen ins Gespräch zu kommen. Zu seinem Bekanntenkreis zählen ältere Damen ebenso wie einfache Hotelangestellte und ein Autohausbesitzer. Erst wer Valentin näher kennen lernt, merkt anhand kleiner Details, dass etwas nicht stimmt. So ist ihm sein grauer Wintermantel eigentlich zwei Nummern zu groß und auch das auf dem Flohmarkt erstandene Parfum „Socrate“ benutzt wohl kein anderer Geschäftsmann auf der Welt.

In letzter Zeit zweifelt Valentin selbst daran, dass es mit seinem Lebenstraum noch klappen könnte. Häufig spielt er jetzt mit dem Gedanken, Österreich zu verlassen, um noch einmal in Spanien sein Glück zu probieren. Doch das ist unmöglich. Er hat keine Papiere, um auszureisen. Und selbst, wenn er sich illegal bis nach Spanien durchschlagen sollte, würde er von dort früher oder später zurückgeschickt werden.

Auch in Österreich sind seine Zukunftsaussichten schlecht, seit er in einem Moment der Verwirrung seinen Asylantrag zurückgezogen hat. Weil er psychisch krank ist, kann er derzeit nicht abgeschoben werden und wird „geduldet“. Das bedeutet aber, er hat keine Chance, je eine Arbeitserlaubnis zu bekommen. Auch könnte er jederzeit abgeschoben werden, sollte sich die Diagnose ändern. Die Dinge stehen nicht gut für Valentin.

Dass er dagegen aus dem Asylbewerberheim verwiesen wird, ist unwahrscheinlich, Valentin ist hier beliebt. Vor allem neu angekommene Flüchtlinge schätzen seine höfliche, freundliche Art. Manchmal kocht Valentin für sie Hühnchen nach afrikanischem Rezept. Gemeinsam essen sie dann in seinem Zimmer und sprechen über Frauen oder das Leben in Österreich. Valentin erzählt dann gerne von seinen goldenen Jahren als Geschäftsmann in Algerien. Es sind lebhafte, spannende Geschichten. Dass sie frei erfunden sind, kümmert niemanden.

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