Ismeta Spahic lebt seit 13 Jahren in Deutschland. Fast elf Jahre lang war sie geduldet. Im Zuender-Interview spricht sie über ein Leben ohne Status.
Fragen von Stefan Kesselhut
Über 180.000 Ausländer in Deutschland sind „geduldet“. Ihr Asylantrag wurde abgelehnt, abgeschoben werden sie trotzdem nicht, weil sie krank sind oder ihnen im Heimatland die Todesstrafe droht. Ein Leben auf Abruf: Meist dürfen sie nur für kurze Zeit bleiben, ein halbes Jahr oder wenige Wochen. Oft folgt eine Duldung auf die andere. Immer besteht die Gefahr, doch noch abgeschoben zu werden. Die meisten Flüchtlinge dürfen nicht arbeiten. Jugendliche bekommen oft keine Lehrstelle und dürfen nicht studieren. Selbst Schüler, die ihre gesamte Schulzeit in Deutschland verbracht haben, können ausgewiesen werden.
Ismeta Spahic (35) floh vor 13 Jahren mit ihrem Lebensgefährten Reho Softic (37) vor dem Krieg aus Montenegro, bis 2004 war sie in Deutschland geduldet. Heute leben sie mit zwei Söhnen in Hamburg- Barmbek.
Zuender: Sie flüchteten 1993 von Montenegro nach Deutschland. Was war passiert?
Ismeta Spahic: In diesem Jahr kam der Krieg nach Montenegro. Reho sollte für die serbische Armee kämpfen. Das wollten wir nicht, und für uns wurde es immer gefährlicher. Wir mussten weg, in ein anderes Land, das sicherer ist.
Auf welchem Weg sind Sie nach Hamburg gekommen?
Im März 1993 sind wir in Kleinbussen und LKWs nach Tschechien und Polen gefahren. Wir bezahlten Leute dafür, uns von dort nach Deutschland zu bringen. Über Stuttgart kamen wir dann nach Hamburg. Ein Rechtsanwalt hat uns geholfen, Asyl zu beantragen, und wir wurden in einem Aufnahmelager untergebracht.
Anzeige
Diese Aufnahmelager sind umstritten.
Die ersten drei Monate verbrachten wir auf der „Bibby Altona“, ein großes Schiff im Hamburger Hafen, auf dem Asylbewerber vorübergehend untergebracht werden (wurde inzwischen geschlossen, Anm. d. Verf.). Unglaublich viele Menschen waren dort. Es war dreckig, überall gab es Kakerlaken. Wir lebten auf vielleicht sechs Quadratmetern, während ich hochschwanger war. Danach zogen wir für drei Jahre in einen zwölf Quadratmeter großen Container. Da waren wir schon eine vierköpfige Familie. Seit ein paar Jahren haben wir endlich eine eigene Wohnung.
1995 wurde ihr Asylantrag abgelehnt.
Weil ich aus Mazedonien stamme. Dort gab es keinen Krieg. Meine Söhne und ich waren nur noch „geduldet“. Wir mussten alle sechs Monate bei der Ausländerbehörde erscheinen, um die Duldung zu verlängern. Außerdem durften wir uns nicht weiter als dreißig Kilometer von Hamburg weg bewegen. Mein Sohn spielte Fußball beim FC Sankt Pauli. Bei jedem Auswärtsspiel musste der Verein an die Behörde schreiben, um eine Sondergenehmigung zu bekommen.
Wovon haben Sie gelebt?
Von Sozialhilfe. Anfangs durften wir zwei Stunden am Tag arbeiten, das wurde später aber verboten. Im Monat hatten wir für uns vier etwa 900 Euro, das war natürlich viel zu wenig. Die Ausländerbehörde hat das Sozialamt außerdem dazu gebracht, weniger zu zahlen. Sie wollten uns unter Druck setzen, damit ich mit den Kindern ausreise.
Was passierte mit Ihrem Lebensgefährten?
Sein Asylantrag wurde erst 2003 abgelehnt. Solange ihm nicht die Abschiebung drohte, fühlte ich mich mit den Kindern relativ sicher. Uns wurde immer gesagt: „Sie bleiben solange, wie Herr Softic bleibt.“ Als auch er nur noch geduldet war, bekamen wir Angst. Wir konnten jeden Moment abgeschoben werden, unsere Duldung wurde für immer kürzere Zeiträume bewilligt. Die Ausländerbehörde hat sich sehr aggressiv verhalten. Sie wollten uns so schnell wie möglich abschieben. Dass unsere Söhne bereits jahrelang hier zur Schule gingen, war kein Hindernis.
Hat die Behörde versucht, Sie abzuschieben?
Sie haben mehrfach versucht, uns getrennt abzuschieben, die Familie zu zerreißen. Im Dezember 2004 standen morgens um sechs Uhr sieben Leute vor unserer Wohnungstür, davon drei Polizisten. Sie wollten mich und die Kinder mitnehmen. Während Rohe im Wohnzimmer von einem Polizisten festgehalten wurde, habe ich den Mitarbeitern der Behörde erklärt, dass sie uns nicht abschieben könnten. Mein Sohn Sanel hatte hohes Fieber. Interessiert hat das niemanden.