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Kultur-Clash

Fremdkörper am Tresen

„Wieso trinkst du dein Bier nicht da, wo du hingehörst?“ fragt mich die Bardame öfters. Weil ich diese Kneipe liebe. Schade, dass diese Liebe nie erwidert werden wird.

Nichts ist schöner, als sich nach einem langen Arbeitstag bei zwei, drei Bier an einem Tresen in aller Ruhe abkanzeln zu lassen. Ein Tresen hat mit einer Kanzel ja einiges gemein. Nicht nur optisch, als ein Machtgefälle markierender Raumteiler. Auch in den Ansprachen, die von dort aus geführt werden. „Wenn Gott spricht, müssen auch Fürsten zittern“, heißt es in klassischen Predigttexten. „Wenn der Kuchen spricht, muss der Krümel schweigen“, bläut mir die Bardame in meiner Stammkneipe ein. Die Rollen zwischen ihr und mir sind klar verteilt. Liefern wir uns ein Wortgefecht, verliere ich. Sie hat immer die besseren Argumente. Und die besseren Fragen. „Wieso trinkst du dein Bier nicht da, wo du hingehörst?“ Während ich überlege, wo ich hingehöre, hier in St. Pauli, ob in den Golden Pudel Club , die Meanie Bar oder ins Café Geyer, sehe ich zu, wie sie die letzte saure Gurke aus dem Glas fischt und verputzt, jene, die ich bestellt hatte.

Nach und nach kommen andere Gäste herein, wenn auch wenige. Richtige, gern gesehene Gäste. Stammgäste. Denn auch, wenn ich manchmal fast täglich herkomme: Ein Stammgast bin ich nicht. Den Stammgaststatus werde ich hier niemals erhalten. Im türkischen Männerklub ums Eck noch eher als hier. Ein Stammgast ist kein „regular“, wie der Engländer glaubt. Das Stammgastsein bemisst sich nicht an der Häufigkeit des Kommens und Konsumierens. Auch, wenn ich Blazer, Schreibblock und Handy zu Hause ließe: Ich bin hier Zaungast, ein Zaungast kann kein Stammgast sein. Ich bin ein Fremdkörper, wenn auch ein vertrauter.

Stammgäste in Eckkneipen könnten auch Bar-Komfort-Kunden heißen. Denn ähnlich wie Bahncomfort-Kunden, die aber lediglich Punkte, nicht Sympathien sammeln müssen, kommen auch Stammgäste in den Genuss gewisser Annehmlichkeiten. Sie erhalten ein eigenes Fach im hölzernen Sparkasten an der Wand, sie dürfen nach Herzenslust Anschreiben und einander Anschreien, sie kriegen Zuspruch oder was aufs Haus. Und ein besonderes Kontingent an Sitzplätzen: Die Barhocker. Kommen die Stammgäste in meine Stammkneipe, gebe ich meinen Tresenplatz frei und ziehe mich mit Bier und Schreibblock an den Ecktisch zurück.

Eine Kneipe steht und fällt mit der Tresenkraft. Die Bardame meiner Stammkneipe ist ein ganzes Tresenkraftwerk, und das einzige, was diesen Laden am Leben hält. Der Bardamen-Begriff ist eigentlich auch nicht passend. Eher Barkeeperin, besser Barguard. Sicherlich, die Bilderbuchbardame ist rotzig und abgebrüht, eine Bardame darf oder muss so sein, aber wie diese ist keine. Kummerkasten, Richterin, Gute Seele, Streitschlichterin in einer Person. Eine, die ihre Stammgäste nicht einfach verwaltet, sondern aufmöbelt, eine Mischung aus Aufmuntern und verbalem Vermöbeln.

Die Stammgäste meiner Stammkneipe: Meist Männer, meist einzeln, die meisten vom Leben und Bier gebrandmarkt. Aber keine Matrosen. Früher war das hier deren Anlaufpunkt, davon erzählt der norddeutsche Nippes, der hier hängt, all die Anker und Leuchttürme, die Seemannssentimentalitäten, die Schaustücke aus Übersee. Aber Matrosen heißen heute Schiffsmechaniker, sind Filipinos oder Russen, die die Reeperbahn höchstens vom Hörensagen kennen. Ihre Schiffe halten viele Kilometer von hier entfernt, und Liebe kaufen kann man sich auch an Bord. In den meisten Kiezkneipen wurden die Seeleute durch Touristen ersetzt; hier nicht, woran auch das „Bier 1 Euro“-Schild am Eingang nichts ändert. Zu hell, um spelunkenhaft zu sein, zu karg, um urig zu sein, zu ausgestorben, um Kult zu sein. Meine Stammkneipe ist kein Insider-Tipp, kein Ausgeh-Tipp, nicht im Lonely Planet , nicht im Baedeker

Weiterlesen im 2. Teil »


 
 



 

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