Mittelamerika
Wilma und die Mannschaft
TEIL 2
Danach war die Euphorie erst einmal dahin. Das war der harte Fall in die Realität. In Guatemala hat man als Frau ohnehin einen schweren Stand, als Prostituierte aber wird man täglich damit konfrontiert, dass man nicht dazugehört. An Aufklärungskampagnen oder Ähnliches ist nicht zu denken, ebenso wenig an den Schutz durch Polizei oder Regierung. Viele Leute wissen nicht einmal, wo sie Kondome kaufen können.
Die Estrellas gibt es aber immer noch.
Ich hatte zuerst keine Lust mehr weiterzumachen. Beim ersten Spiel haben uns die Leute von Kopf bis Fuß angestarrt. Aber genau das hat mich schließlich angetrieben. Wir sind eine Mannschaft und halten zusammen.
Wir stoßen oft immer noch auf die gleiche Abweisung und die selben Vorurteile wie am Anfang. Aber mittlerweile ist uns das egal. Wir können damit umgehen. Und in letzter Zeit fanden sich auch einige Leute, die uns unterstützen wollen – Bekannte, Freunde, Trainer der anderen Teams oder einfach Leute aus unserer Gegend. Natürlich nicht der Staat.
Vor jedem Spiel überlegen wir uns ein Thema, über das wir die Zuschauer informieren wollen. Wir drucken Flyer und verteilen sie dann im Stadium. Der erste informierte über den Status von ausländischen Frauen und Sex-Arbeiterinnen in Guatemala. Andere versuchen, ganz einfach über Sex aufzuklären.
Manchmal diskutieren wir nach dem Spiel mit den Zuschauern. Oft haben wir das Gefühl, die Leute hören uns zu, setzen sich mit uns zusammen und interessieren sich wirklich für unser Problem. Doch im Endeffekt kommt selten etwas dabei heraus. Viele gaukeln Interesse vor, aber es geschieht nichts. Es werden ständig Hoffnungen geschürt, die sich am Ende als Luftschlösser erweisen. Die Leute denken: „Ihr kommt sowieso nicht mehr raus“ – aus eurem Elend und eurem Leben. Jede von uns hat andere Wünsche und Ziele, andere Probleme und andere Vorstellungen vom Leben. Wir sind zwar eine Mannschaft, aber keine homogene Gruppe, die man in einen Topf werfen kann und dann mit einem simpel gestrickten Programm aus ihrer Misere befreien.
Wie kann man sich den Morgen vor einem Spiel vorstellen? Nervös?
Vor den Spielen sind wir immer unglaublich nervös. Manchmal kommen wir gar nicht aus dem Bett, so nervös sind wir. Es ist völlig egal, gegen wen wir spielen. Und oft sind wir total übermüdet, weil wir bis spät in die Nacht arbeiten.
Doch wenn wir auf dem Platz stehen, können wir für ein paar Stunden vergessen, wo wir herkommen und was wir sonst machen. Da gibt es Augenblicke, bei denen ich das Gefühl habe, wirklich Teil der Gesellschaft zu sein und an normalen Aktivitäten teilnehmen zu können, ohne ständig auf den Beruf als Prostituierte reduziert zu werden. Plötzlich ist man dabei und die Leute lächeln einem zu.
Die größte Freude danach?
Wenn ich meine Kinder wieder sehe. Auch sie werden in der Schule ausgegrenzt, weil ihre Mutter als Prostituierte arbeitet. Doch für uns ist das nun mal die einzige Möglichkeit zu überleben. Ohne Zertifikat, ohne Ausbildung oder Schulabschluss bist du nichts in Guatemala. Ich möchte, dass meine Kinder die Chance bekommen, das zu schaffen, was ich nicht geschafft habe.
Es ist nicht so, dass ich keine Träume mehr habe. Eines Tages werde ich vielleicht ein kleines Geschäft haben und meine Enkelkinder besuchen mich, um sich alte Geschichten anzuhören. Ich habe aber auch ganz realistische Wünsche: Neue Trikots für das Team wären wunderbar!
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