Mittelamerika

Wilma und die Mannschaft

In Guatemala werden jedes Jahr Hunderte Prostituierte ermordet. Die Regierung tut nichts dagegen. Eine von ihnen hat deshalb einen Fußballverein gegründet. Kann Sport Menschen aufrütteln? Ein Gespräch.

Fragen von Andreas Bock

Der Bürgerkrieg dauerte 36 Jahre, erst 1996 endete er mit einem Friedensvertrag. Der Frieden hat Guatemala aber nicht zu einem normalen Land gemacht. Wo einst linke und rechte Guerillatruppen mit Maschinengewehren und Macheten aufeinander losgingen, ist Gewalt auch heute noch die Regel: Menschen verschwinden spurlos, die indigene Bevölkerung wird diskriminiert, in den vergangenen fünf Jahren wurden mehr als tausend Frauen ermordet, darunter Hunderte Prostituierte.

Am Busbahnhof von Ciudad de Guatemala, der Hauptstadt, klebt ein kopierter Zettel, das Foto einer jungen Frau, darunter Datum, Uhrzeit, Telefonnummern. Sie wird vermisst. Unser Ziel ist eine stillgelegte Eisenbahnlinie, fünfzehn Gehminuten vom Stadtzentrum entfernt. Zwischen streunenden Hunden und dem fliegenden Karamelbonbon-Verkäufer wartet ein kleiner Junge auf Kundschaft. Er arbeitet als Schuhputzer und lehnt an einer Hauswand. Hinter ihm steht in dicken Buchstaben: „Hombres no se arreglan y mujeres no juegan el futbol!“ – Männer schminken sich nicht und Frauen spielen keinen Fußball. Die Rollen hier sind klar verteilt.

Durch das Viertel in der Zone 2 von Guatemala Stadt, in dem mehr als hundert Prostituierte ihren Lebensunterhalt verdienen, schlurfen alte Männer, den Blick auf den Boden gerichtet. Sie stapfen durch den Matsch, vorbei an Bergen aus Bauschutt und türkisfarbenen, mit Wellblech gedeckten Hütten. In einer von ihnen treffen wir Wilma, auch sie verkauft ihren Körper, aber in einem unterscheidet sie sich von den anderen: Vor mehr als zwei Jahren hat Wilma einen Fußballverein gegründet. Das hilft ihr, im Slum zu überleben, die Ungerechtigkeiten und Gewalt zu ertragen. Wilma ist Mannschaftskapitänin und Mittelstürmerin der Estrellas De La Linea – der Stars der Linie. Eigentlich will sie nicht mit uns reden, doch nach einer Weile fangen Wilmas Augen an zu leuchten. Denn wir sprechen über ihre Leidenschaft: über Fußball, Real Madrid, über die Estrellas und die Nervosität vor einem wichtigen Spiel. Über ihre Träume.

Wilma, sind Sie eine Aficionada?

Na, und ob. Ich liebe Fußball. Wenn ich die Möglichkeit habe, schaue ich mir Spiele von Real Madrid und Barcelona im Fernsehen an. Leider ist der Fußball in Guatemala nur manchmal attraktiv – zuletzt beim WM-Qualifikationsspiel gegen Panama. Als es nach 90 Minuten immer noch 1:1 stand, war ich so nervös, dass ich vor die Tür gehen musste. Etliche Fans hatten das Stadion schon verlassen, als Gonzalo Romero in der 94. Minute den 2:1-Siegtreffer erzielte und unsere Hoffnung auf eine WM-Teilnahme weiter leben ließ. Leider hat es letztendlich doch nicht gereicht.

Hier ist ein Sieg der Selección viel mehr als ein sportlicher Sieg. Wenn wir gewonnen haben, feiert jeder mit jedem. Da geht plötzlich ein Ruck durch das Land, die Menschen auf den Straßen haben ein Lächeln im Gesicht, noch Tage danach. Alle Probleme scheinen plötzlich ganz klein.

Vor einem Jahr haben Sie die Estrellas De La Linea gegründet. Warum?

Alle in der Mannschaft sind große Fußballfans. Wir trainierten sogar regelmäßig mit den Ehemännern anderer Sex-Arbeiterinnen. Der eigentliche Grund, dieses Team zu gründen war allerdings ein anderer. Die Gewalt an Prostituierten hat in den letzten Jahren stark zugenommen. Von den vielen Frauen, die hier in den letzten Jahren ermordet wurden, waren die meisten Prostituierte. Und niemand tut etwas, auch nicht die Regierung.

Der normale Protest vor Amtsgebäuden erschien uns sinnlos, weil er einfach ignoriert wird, oder mit der „mano dura“, der harten Hand, beantwortet. Damals wurde die Idee geboren, einen Fußballverein zu gründen. In einem Team können wir viel stärker und selbstbewusster auftreten als allein. Einzelpersonen verschwinden in Guatemala in der Masse der „Problemfälle“. Doch bei den Fußballspielen standen wir plötzlich im Blickpunkt der Öffentlichkeit.

Was ist seitdem passiert?

Wir sind immer noch die gleichen Spielerinnen wie am Anfang. Aber die Estrellas wurden schon nach dem ersten Spiel aus dem offiziellen Spielbetrieb der Futeca, dem Fußballverband für Amateurmannschaften, ausgeschlossen.

Wir spielten damals gegen ein Team von Collegemädchen, die hauptsächlich aus der Mittel- und Oberschicht stammten. Als deren Eltern erfuhren, dass ihre Töchter gerade gegen Prostituierte spielen, forderten sie den Ausschluss unserer Mannschaft. Die Futeca kam dem sofort nach. Die Begründung: Unsere Gegnerinnen würden sich durch Schweißübertragung mit HIV infizieren.

Im Grunde steht dieser Ausschluss exemplarisch für die Realität des Landes. Arme, sozial Schwache, Prostituierte, Ausländer und Indigene werden nur geduldet, solange sie nicht versuchen, am normalen gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Danach war die Euphorie erst einmal dahin. Das war der harte Fall in die Realität. In Guatemala hat man als Frau ohnehin einen schweren Stand, als Prostituierte aber wird man täglich damit konfrontiert, dass man nicht dazugehört. An Aufklärungskampagnen oder Ähnliches ist nicht zu denken, ebenso wenig an den Schutz durch Polizei oder Regierung. Viele Leute wissen nicht einmal, wo sie Kondome kaufen können.

Die Estrellas gibt es aber immer noch.

Ich hatte zuerst keine Lust mehr weiterzumachen. Beim ersten Spiel haben uns die Leute von Kopf bis Fuß angestarrt. Aber genau das hat mich schließlich angetrieben. Wir sind eine Mannschaft und halten zusammen.

Wir stoßen oft immer noch auf die gleiche Abweisung und die selben Vorurteile wie am Anfang. Aber mittlerweile ist uns das egal. Wir können damit umgehen. Und in letzter Zeit fanden sich auch einige Leute, die uns unterstützen wollen – Bekannte, Freunde, Trainer der anderen Teams oder einfach Leute aus unserer Gegend. Natürlich nicht der Staat.

Vor jedem Spiel überlegen wir uns ein Thema, über das wir die Zuschauer informieren wollen. Wir drucken Flyer und verteilen sie dann im Stadium. Der erste informierte über den Status von ausländischen Frauen und Sex-Arbeiterinnen in Guatemala. Andere versuchen, ganz einfach über Sex aufzuklären.

Manchmal diskutieren wir nach dem Spiel mit den Zuschauern. Oft haben wir das Gefühl, die Leute hören uns zu, setzen sich mit uns zusammen und interessieren sich wirklich für unser Problem. Doch im Endeffekt kommt selten etwas dabei heraus. Viele gaukeln Interesse vor, aber es geschieht nichts. Es werden ständig Hoffnungen geschürt, die sich am Ende als Luftschlösser erweisen. Die Leute denken: „Ihr kommt sowieso nicht mehr raus“ – aus eurem Elend und eurem Leben. Jede von uns hat andere Wünsche und Ziele, andere Probleme und andere Vorstellungen vom Leben. Wir sind zwar eine Mannschaft, aber keine homogene Gruppe, die man in einen Topf werfen kann und dann mit einem simpel gestrickten Programm aus ihrer Misere befreien.

Wie kann man sich den Morgen vor einem Spiel vorstellen? Nervös?

Vor den Spielen sind wir immer unglaublich nervös. Manchmal kommen wir gar nicht aus dem Bett, so nervös sind wir. Es ist völlig egal, gegen wen wir spielen. Und oft sind wir total übermüdet, weil wir bis spät in die Nacht arbeiten.

Doch wenn wir auf dem Platz stehen, können wir für ein paar Stunden vergessen, wo wir herkommen und was wir sonst machen. Da gibt es Augenblicke, bei denen ich das Gefühl habe, wirklich Teil der Gesellschaft zu sein und an normalen Aktivitäten teilnehmen zu können, ohne ständig auf den Beruf als Prostituierte reduziert zu werden. Plötzlich ist man dabei und die Leute lächeln einem zu.

Die größte Freude danach?

Wenn ich meine Kinder wieder sehe. Auch sie werden in der Schule ausgegrenzt, weil ihre Mutter als Prostituierte arbeitet. Doch für uns ist das nun mal die einzige Möglichkeit zu überleben. Ohne Zertifikat, ohne Ausbildung oder Schulabschluss bist du nichts in Guatemala. Ich möchte, dass meine Kinder die Chance bekommen, das zu schaffen, was ich nicht geschafft habe.

Es ist nicht so, dass ich keine Träume mehr habe. Eines Tages werde ich vielleicht ein kleines Geschäft haben und meine Enkelkinder besuchen mich, um sich alte Geschichten anzuhören. Ich habe aber auch ganz realistische Wünsche: Neue Trikots für das Team wären wunderbar!

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02 / 2007
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