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Interview

Sophies Unterwelt

TEIL 2

Es war nur ungewohnt und unangenehm, dass wir uns nicht mehr von einem Lehrer beobachten lassen wollten. Vielleicht war das auch ein bisschen verdächtig. Vielleicht hielt die Schulleitung uns Schüler für unfähig, Pressegesetze einzuhalten und wollte verhindern, dass sich Lehrer angegriffen und beleidigt fühlen? Vielleicht wollte sie potentielle Rufschädigung ihrer Privatschule vermeiden? Die Schulleitung hat mir nie ihre Beweggründe persönlich verraten.

Nach dem Verbot, das ja noch vor unserer ersten Ausgabe über uns ausgesprochen wurde, ging es dann ständig um die Frage: Wer hat jetzt Recht? Unsere Schulleitung hat schließlich Recht geschaffen und dafür gesorgt, dass der Zensur-Paragraph in die katholische Rahmenschulordnung aufgenommen wurde.

Der Konflikt hat sich ja interessanterweise nicht einmal an Inhalten entzündet, sondern an Prinzipien. Der Inhalt stand zwischen Lehrer und uns auch gar nicht zur Debatte. Der Artikel eines Mitschülers, der gegen den Willen der Redaktion aufgenommen werden sollte, war aus unserer Sicht einfach stilistisch schwach. Der Lehrer wollte jedem Redakteur die Chance geben und Verletzungen vermeiden, wir erhoben dagegen den Anspruch auf Qualität. Es stellte sich grundsätzlich die Frage, wer im Zweifelsfall das letzte Wort hat: Der Lehrer oder die Schülermehrheit?

War die Auseinandersetzung vielleicht grundsätzlich persönlich und interessierte deswegen nicht alle anderen?

Die Auseinandersetzung um die Schülerzeitung war von Anfang an persönlich, von beiden Seiten, das haben auch alle Beobachter bemerkt. Aber das war nicht der Grund, warum die meisten Schüler passiv blieben. Das Problem war ein grundsätzliches und hätte eigentlich jeden interessieren müssen: Die Schüler waren zwar nicht überglücklich mit der Schule, aber doch ziemlich zufrieden. Außerdem engagierten sie sich deshalb nicht, weil sie genau wussten, dass sie keine Veränderungen herbeiführen konnten. Das letzte Wort hatte die Schulleitung und die machte das, was sie wollte. Im Prinzip war das Politikverdrossenheit im Kleinformat. Deswegen fand ich die Reaktion der Schulleitung umso fataler.

Glaubst du an einen vorprogrammierten Polarisierungseffekt zwischen katholischem Umfeld und Selbstverwirklichung?

Weiterlesen im 3. Teil »


 
 



 

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