Geocaching
Scharf auf Dosen
Es gibt Menschen, die fieberhaft nach Tupperdosen suchen. Nicht etwa in der heimischen Küche, sondern in alten Fabriken, auf Bergen oder an stillgelegten Bahngleisen. Ihr Lohn: eine Dose voll Krimskrams. Geocaching heißt die neue Form der Schatzsuche
Von Fabian Wagner
Wir stehen auf der Staumauer der Eschbachtalsperre in der Nähe von Remscheid. Hier beginnt unsere Geocaching-Route. Auf dem GPS-Gerät, das Achim mir in die Hand gedrückt hat, weist ein schwarzer Pfeil nach links, in nordwestliche Richtung. Noch 1,2 Kilometer bis zum Ziel, bis zur ersehnten Dose.
Geocaching ist wie Schnitzeljagd für Erwachsene: Irgendjemand versteckt irgendwo seinen Cache - meistens eine kleine Plastikdose - und veröffentlicht die Koordinaten im Internet. Mit einem mobilen GPS-Gerät machen sich die Schatzsucher dann auf die Suche. Rund 11.000 dieser Schatzkisten liegen inzwischen in Deutschland rum, allein im Großraum Hamburg sollen es um die 1000 sein. In den Dosen befinden sich ein „Logbuch“, in dem sich der Geocacher verewigen kann („Ich war hier, super Versteck, schöne Landschaft, vielen Dank!“) und Tauschgegenstände - von Playmobilfiguren bis Karottensamen. Wer sich etwas aus dem Cache nimmt, muss etwas Gleichwertiges oder Besseres zurücklegen. Das ist Ehrensache, so genannte „Downtrades“ verbietet der ungeschriebene Cacher-Kodex. Danach wird die Dose wieder sorgfältig versteckt, damit sie nicht zufällig von Geocaching-Ignoranten gefunden und entwendet wird.
„Man lebt in einer kleinen Parallelwelt, weiß etwas, von dem andere nichts wissen“, schwärmt Achim Hoffmann. „Das ist ganz klar Teil der Faszination.“ Noch 300 Meter bis zum Ziel. Der Stausee liegt längst hinter uns, wir wandern durch ein dunkles Waldstück. Achim (Geocacher duzen sich untereinander) ist 39 und im normalen Leben Elektroniker bei einer Champignonzucht. Vor drei Jahren hat er mit dem Cachen angefangen. „Du fühlst Dich sehr euphorisch, wenn Du zum ersten Mal so eine kleine Dose findest“, sagt er. Seitdem sei es fast wie eine Sucht. 134 Caches hat er bis heute geborgen. Auch seine Freundin begleitet ihn am Wochenende oder im Urlaub immer öfter. „Das Tolle ist eigentlich die direkte Verbindung von Natur und Technik“, sagt Achim. Unser GPS-Gerät zeigt jetzt noch zwölf Meter an. „Genauer geht es nicht mehr. Jetzt müssen wir suchen.“
Es gibt unterschiedliche Arten von Caches. Beim Traditional-Cache werden die Koordinaten des Versteckes im Internet direkt angegeben. Aufwändiger sind Multi-Caches. Die erste Koordinate markiert einen Ort, an dem ein Hinweis auf eine nächste Koordinate entschlüsselt werden muss. Ein Beispiel: Der Startpunkt für eine Route ist ein Museum. Mit dem Hinweis „Addiere die Hausnummer mit der Anzahl der Bilder im Foyer und teile durch zwei“ erhält man die nächste Koordinate, dort wartet vielleicht die Büste eines Bürgermeisters oder ein Wegkreuz. Die Anweisungen für jede Station druckt sich der Cacher vor der Suche aus. Es gibt Multi-Caches, die mehrere Tage dauern und so bezeichnende Namen wie „Qualmende Füße“ haben. Wenn es dunkel wird, zelten derart beinharte Geocacher und tauschen am Lagerfeuer die schönsten Schatzgeschichten aus. Andere machen sich dann erst auf die Socken. Für sie bringt erst die nächtliche Suche den besonderen Kick. Im Internet gibt es Rankings, wer wie oft einen Cache gefunden hat - ein Deutscher kratzt gerade an der Marke von 2000 gefundenen Schatzkisten. Viele Cacher planen ihre Urlaubsroute nach Versteck-Koordinaten. Und den inoffiziellen Welt-Rekord im Tages-Finden hält im Moment ein deutsches Pärchen: Innerhalb von 24 Stunden haben sie 264 Dosen aufgetrieben.
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