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Kolumne

Stierkampf

Warum sich nicht selbst ein Bild machen? Selim Özdogans Kolumne "Passen die Schuhe, vergisst man die Füsse"


Wenn dir in Sevilla in einer Mittagshitze, die heißer ist als die Türangeln der Hölle, ein kleiner alter Mann der nach Schnaps und Zigarren riecht vor der Stierkampfarena zu nahe tritt und dir Karten für die Kämpfe des Abends anbietete, was würdest du tun?

Ich weiß, daß es Gründe für und gegen den Stierkampf gibt, die meisten sind mir auch bekannt, aber ich habe keine Ahnung, wem ich Recht geben soll, wenn überhaupt. Das ist die Gelegenheit, um sich selber ein Bild zu machen, habe ich gedacht, 20 Euro für einen Platz relativ weit vorne.

Abends saß ich in einer nicht mal halb gefüllten Arena, Spanier, Touristen, Spanier mit Touristen, Spanier mit Kindern jeglichen Alters.

Und dann wird da wird ein Tier gequält, das will ich nicht abstreiten, aber viele Menschen, die das als unzumutbar empfinden, essen Hühner, die auf Zuchtfarmen gequält werden und vor dem Tod nicht mal etwas haben, das man Leben nennen könnte. Da wird ein Tier gequält, ja, und als kleiner Yogi und Fischvegetierer sollte ich das schrecklich finden, aber wenn ich ehrlich bin, hat es mich nicht sonderlich berührt.

Was mich gestört hat, war eine gewisse Geistesarmut. Es ist albern als Mensch seinen Mut, seine Ehre, seinen Stolz im Kampf mit einem Tier zu beweisen, das zweifelsohne lebensgefährlich ist, einem aber an Intelligenz weit unterlegen. Es ist ja ein weit verbreiteter Irrglaube, der Stier würde auf das rote Tuch – die Muleta- reagieren. Rinder können alle kein Rot sehen, sie sind blind für diese Farbe. Der Stier reagiert auf die Bewegungen und er kann einfach nicht die Transferleistung erbringen, daß das Tuch vom Matador bewegt wird. Könnte er das, würde er den Matador angreifen und nicht an der Muleta verzweifeln. Es ist albern, sich auf Kosten eines Dümmeren zu profilieren, genauso wie es albern ist, zum Armdrücken mit einem Achtjährigen anzutreten.

Es gab insgesamt sechs Kämpfe und je länger ich zusah, desto mehr nahm mich das Geschehen doch gefangen. Der Matador muß da sein, jeden Moment, wach, aufmerksam, der Einsatz ist immerhin sein Leben, trotz seiner intellektuellen Überlegenheit. So etwas sieht man nicht oft und es hat etwas ungemein Faszinierendes.

Und gleichzeitig kommt es mir dumm vor. Für mich als Laien wirkt es so, als könnte man den Stier mit einiger Übung auch routiniert töten, aber der Matador will seinen Wagemut beweisen und geht unnötige Risiken ein, um die Größe seiner Eier zur Schau zu stellen.

Am Ende ist es wie so oft, ich habe keine Ahnung, wie ich es finden soll. Vielleicht sollte ich mir als nächtes mal ein paar Matadorinnen anschauen.


 
 



 

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