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Naher Osten

Mein Krieg

Jede Generation hat ihren Krieg – zumindest in Israel. Dani Rudstein war bei der Libanon-Offensive als Offizier dabei. Hier schreibt er, wie er die Tage während des Einsatzes erlebt hat

Ich habe 1997 in Israel meine Heimat gefunden. Ich war 19 Jahre alt und voller Hoffnung. Das Land hatte zwar Jahrzehnte voller Krieg und Konflikte hinter sich, aber es musste doch möglich sein, Frieden durch Kompromisse zu erreichen. Dachte ich. Dennoch verstand ich, dass Israel nicht auf seine Armee verzichten konnte.

Als ich zum Militärdienst einberufen wurde, glaubte ich nicht ernsthaft an die Möglichkeit, je in einen Krieg zu müssen. Heute bin ich Student und zugleich Soldat, wie jeder Israeli. Einmal im Jahr ziehe ich meine Uniform an und absolviere meinen Dienst als Reserveoffizier. Noch im März waren wir in einer Manöverübung. Tagsüber übten wir schießen, abends diskutierten wir. Auch über Politik. Mein Kompaniekommandant Gil lächelte dann immer müde und sagte: "Hier in Israel hat bis jetzt jede Generation ihren Krieg erlebt, Dani. Auch du wirst deinen noch haben." Ich glaubte ihm nicht.

Ich erfuhr es am Mittag. Zwei israelische Soldaten waren an der libanesischen Grenze entführt worden . Es war der 12. Juli und ich bereitete mich auf die letzte Klausur des 4. Semesters vor, die ich noch am selben Tag schreiben sollte. Noch während ich die bruchstückhaften Nachrichten im Internet verfolgte, kam der Anruf von Gil. "Ich gehe davon aus, dass du die Nachrichten gehört hast. Sei jederzeit per Handy erreichbar und auf Abruf bereit."

Der Krieg begann noch am selben Tag. Aber ohne mich. Die Katjuschas flogen zu hunderten. Die israelische Armeeführung ließ Bomben auf den Südlibanon und die schiitischen Viertel Beiruts werfen. Jeder Tag ohne Einberufung machte mir Hoffnung, dass die Generalmobilmachung ausbleiben könnte. Meiner Familie und meiner Freundin auch.

Doch rundherum war Israel im Ausnahmezustand. Die Menschen im Norden waren geflohen oder verbrachten ihre Tage und Nächte in Luftschutzbunkern. Einer der entführten Soldaten stellte sich als der Bruder eines Freundes heraus. Obwohl ich nicht helfen konnte, fuhr ich in den Norden. Naharia, die Stadt deutscher Einwanderer, war eine Geisterstadt geworden. Während ich mit Yair im Wohnzimmer Kaffee trank und die Raketen in unserer Gegend einschlugen, verstand ich, dass hier wirklich Krieg war.

Wie konnte ich nur untätig sein, während meine Eltern im Luftschutzraum in Yokneam saßen und das halbe Land unter Beschuss war? Welcher Staat dieser Welt konnte so eine Situation zulassen? Wollte ich gehen? – Nein. Sollte ich gehen? – Ja.

Dieser Zwiespalt begleitete mich zwei Wochen lang bis zum 30. Juli. Ein Sonntag. Generalmobilmachung. Da hatte ich ihn nun - meinen Krieg. Um sechs Uhr morgens krochen uniformierte Reservisten wie Ameisen aus jedem Winkel Tel Avivs. Aus allen Gegenden Israels sammelten sich Soldaten. Das Bild war typisch: ein selbstständiger Unternehmer, der versucht seinen Betrieb über das Handy weiterzuführen. Ein Vater von fünf Kindern, der seiner Frau am Telefon gut zuspricht, Studenten in der Examenszeit. Der Vorstandsvorsitzende eines High-Tech Unternehmens in Herzliya und ein Taxifahrer aus Eilat - sie alle saßen in einer Trainingspause am Schießstand und machten Kaffee.

Ich hatte Angst. Angst um die Soldaten, die ich kommandieren sollte. Und vor dem, was geschehen würde. Ungewissheit nagte an uns. Einsatzbefehle, die immer wieder abgesagt wurden, wurden zur Zerreißprobe für unsere Nerven. Dann war es soweit. Innerhalb weniger Stunden überquerten wir die Grenze und befanden uns im Libanon. Wir drangen tief in libanesisches Gebiet ein, ohne in ein Gefecht verwickelt zu werden. In der Nacht darauf war alles vorbei. Wir erhielten Befehl umzukehren. Der Waffenstillstand trat am nächsten Morgen in Kraft . Wir blieben noch einige Tage in Bereitschaft, aber uns war klar, dass kein zweiter Einsatz mehr kommen würde. Schließlich wurden wir nach Hause entlassen. Zum Abschied sagte Gil, mein Vorgesetzter: "Jetzt hattest du deinen Krieg. Ich hoffe es war dein letzter."

Von einem Tag auf den anderen wieder in den Alltag zurückzukehren, klingt leichter, als es ist. Ich habe fast einen Monat wie auf einem anderen Planeten gelebt: Rechnungen zahlen, Arbeit nachholen, für das Examen lernen – alles Nebensache. Wichtig war nur, gesund und daheim zu sein. Nicht allen ist das gelungen. Aber auch das ist typisch Israel, der Alltag kehrt wieder ein und das Leben geht weiter. Bis zum nächsten Krieg.

Auch wichtig:

Auf beiden Seiten - ZUENDER-Schwerpunkt zum Krieg im Libanon

Drüber reden? - Dieser Artikel wird hier im Forum diskutiert

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