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Dreißig

Die Geburtstagsfeiern waren ein Indiz dafür, dass der Spaß jetzt endgültig vorbei war. Das Mobiliar blieb heil und die Hälfte der Gäste ging schon vor zwei.

Das Ausweis-zeigen-müssen und die Führerschein-Probezeit lagen unheimlich weit weg und man konnte trotzdem noch alles machen, was man eigentlich immer schon gemacht hatte. Zwar hieß es mittlerweile „Arbeiten und Feiern“ statt „Feiern und Arbeiten“, aber die Erwachsenen waren nach wie vor die Anderen.

Auch zu Beginn des letzten Jahres schien noch alles in Ordnung. Große Partys für die runden Geburtstage wurden an Kneipenabenden oder am Küchentisch aus dem Kopf gestampft: Mit Live-Musik, allen Freunden aus allen Bekanntenkreisen, ein bisschen gutem Wein, viel Nicht-Billig-Bier. Bloß kein Nudelsalat oder Fladenbrot. Doch langsam dämmerte den Ersten, dass die anfänglich unbedeutende Jahreszahl „Dreißig“ eben doch mehr ändern würde. Plötzlich war man eben nicht mehr zwanzig plus X, das Erwachsensein drängte sich plötzlich förmlich auf. Fragen wie „Wann heiratet ihr denn nun eigentlich?“, oder „Wie lange willst du das mit dem Studium denn eigentlich noch hinauszögern?“ sowie verzweifelte Ausrufe wie „Aber du willst doch sicher nicht dein ganzes Leben kellnern gehen!“ oder „Ich weiß ja das die Zeiten schwierig sind, aber so langsam solltest du doch endlich mal auf eigenen Beinen stehen!“ nahmen in der Häufigkeit unproportional zu –– sogar jüngere Geschwister beteiligten sich hier und da an diesen Attacken.

Dabei fühlten wir uns alle reif, gebildet, kultiviert und hatten Lebenserfahrung, verdienten unser eigenes Geld und kamen prima durch das Leben, dass für alle noch nicht richtig angefangen hatte und es eigentlich auch nie sollte.

Bei genauerer Betrachtung gab es aber schon erste körperliche Verfallssymptome. Lichte Stellen auf dem Kopf und erste Polster am Bauch bei den Jungen, Orangenhaut und hysterisch hochstilisierte Falten bei den Mädchen. Ab da wurde man für diverse Anti-Age-Produkte aus dem Drogeriemarkt sensibilisiert und an der Kasse noch nicht mal seltsam dafür angeschaut. Auch die Umwelt hatte sich verändert.

Man bemerkte, dass einen neue Bands nicht mehr so sehr interessierten, dass man immer die alten Platten hörte und die Charts längst nicht mehr verstand. Man rätselte über Piercings und den Tätowierwahn und schämte sich für die Eltern der Sechszehnjährigen, die damit ihre Selbstbestimmung ausfüllten, fragte sich gleichzeitig, ob eben diese Eltern vielleicht selbst schon tätowiert waren und das mit der Rebellion einfach heimlich verschwunden war.

Ein paar Single-Freunde begannen damit, sich mit jungen Discomädchen zu treffen. Verhältnismäßig sehr jungen Mädchen auf der Schwelle zur Volljährigkeit, die aber alle schon zwei, drei Sexualpartner aus der Online-Singlebörse ausprobiert hatten. Die sahen hübsch und knackig aus, waren alle erschreckend reif für ihr Alter, hatten jedoch trotzdem kaum etwas zu sagen. Die Themen der Dreißigjährigen waren andere als die der Twens, aber die vorgezogene Midlifecrisis wurde trotzdem durchgezogen. Mit Gästelistenplätzen+1, statt Robinson-Club-Wochenenden.

An Stelle des gemeinsamen Shopping-Wochenendes in Paris gab es schon mal den Schlüssel vom alten Golf, wenn die Kleine mit ihren Freundinnen alleine was los machen wollte.

Die Single-Freunde versuchten trotzdem im Kleinen Status zu demonstrieren, luden Freundinnen in viel zu teure Restaurants ein und schenkten ihnen IPods und Multifunktions-Handys aus Vertragsverlängerungen, von denen sie nicht wussten wie die genau funktionierten. Diejenigen die schon seit Jahren ein Paar waren (so lange, dass sich keiner mehr daran erinnern konnte, bei welcher Party sie das erste Mal gemeinsam abgestürzt waren), schauten neidisch auf die blutjungen Körper, klinkten sich aber spätestens bei den Diskussionen über Abi-Ball-Besuche aus und waren froh, dass die Fehler von vor zehn Jahren nicht noch mal gemacht werden mussten. Keine der Beziehungen hielt lange, die Single-Freunde fühlten sich danach noch viel älter und zupften sich bei Single-Malt-Whiskey und Skat am Küchentisch gegenseitig die ersten grauen Haare.

Die Geburtstagsfeiern zum dritten Lebensjahrzehnt waren schließlich ein weiteres Indiz dafür, dass der Spaß endgültig vorbei sein musste. Die Hälfte der Gäste verließ die Partys schon zwischen eins und zwei, „Ich muss morgen früh raus“ oder „Hab’ noch soviel auf dem Schreibtisch“, hieß es zur Verabschiedung. Es wurde zwar noch Jägermeister, Wodka und auch mal ein Absinth getrunken, aber trotzdem war am nächsten Morgen sämtliches Mobiliar inklusive der Gläser noch heil, es gab keine Flecken auf dem Teppich und die Aschenbecher waren nur halbvoll, weil viele wegen der Kinder mit dem Rauchen aufgehört hatten. Kannte man diese Leute wirklich? Warum hatte man sie überhaupt eingeladen? Der kleine Kreis von Jugendfreunden saß um halb vier auf der Bierbank in der elterlichen Garage, trank die Reste aus und wartete auf das Taxi.

Die Nächsten im Jahresturnus zogen daraus ihre Schlüsse und verfielen beim Wort „Dreißigster“ in gequältes Winseln, machten allen klar, dass sie an diesem Tag niemanden sehen wollten und Überraschungspartys mit promptem Abgang quittieren würden. Der dreißigste Geburtstag als einsame, selbstmitleidige Unter-der-Decke-Inszenierung. Diejenigen, die es schon hinter sich hatten feierten einfach woanders.

So ging auch das vorbei. Über das Alter reden wir für gewöhnlich gar nicht mehr. Nur einmal, da hat einer gesagt, dass wir eigentlich immer noch nicht alles dürfen, was Erwachsene dürfen: Bundespräsident werden nämlich – dafür muss man das 40. Lebensjahr vollendet haben. Aber bis dahin ist es noch sehr, sehr lange hin.

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