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Studien-Finanzierung

Die Luftblase

Ich habe Kunst studiert – meine Eltern haben das nie verstanden. Also habe ich Theater gespielt. Für sie war ich das fleißige Mädchen, in der Uni soff ich mit den Professoren


Die finanzielle Unterstützung, die ich von meinen Eltern bekam, beruhte auf einem Missverständnis. Sie hatten ihr eigenes Studium so in Erinnerung: Nächtelang die Namen von tausenden Körper-Knöchelchen und Medikamenten auswendig lernen. Ich schwor ihnen, genauso hart zu ackern und unser Deal kam zustande. Künstlerin sein durfte ich mit dem Geld meiner Eltern zwar nicht, Künstlerin werden dagegen schon – solange das an einer staatlich anerkannten Hochschule passieren würde. Mein Vater setzte einen Hochschulabschluss mit einem sicheren Auskommen gleich.

Bei der Immatrikulation erklärte mir ein künftiger Kommilitone: "Ein Kunstdiplom ist so viel wert wie Klopapier". Ich schrieb mich ein. Das anschließende Studium bedeutete mehr "sein" als "werden". Mein Künstler-Professor flog alle zwei Monate aus New York ein, um dann drei Tage mit uns zu saufen. Wir waren nicht verpflichtet, Vorlesungen oder Seminare zu besuchen. Ich schrieb nie eine Hausarbeit, hielt nie ein Referat und machte nie einen Schein. „Ihr seid alle schon Künstler, schliesslich habe ich euch in meine Klasse aufgenommen“, sagte mein Professor, als wir uns zum ersten Mal sahen.

"Künstler kann sich jeder nennen", sagte dagegen mein Vater, wenn wir uns sahen. Er wollte nicht Mäzen sein, sondern Sponsor: Er zahlt, und ich komme von Mal zu Mal mit mehr Fähigkeiten und Wissen zurück. Also erzählte ich von konzeptionellen Kunstwerken, die aus einem gedachten Quadratmeter Luft bestanden und dass ich an etwas ähnlichem tüfteln würde. An dieser Stelle verebbte meist das Gespräch und belebte sich erst wieder durch meine Schwester: Sie lernte gerade Parasitologie und wusste von Tierchen im Amazonas, welche die Harnröhre hochschwimmen um sie dann zu sprengen.

Meine Eltern konnten sich unter "Studium" nichts anderes vorstellen als "Struktur". Doch nach kurzer Zeit waren das einzig Verlässliche in meinem Leben ihre Unterhaltszahlungen. Während mein Vater also annahm, ich schriebe Klausuren, schaute ich Galeristen beim Koksen im Hinterhof zu. Während er glaubte, ich putzte mir gerade die Zähne für das morgendliche Seminar, suchte ich auf irgendeinem Teppich eine Stelle zum Schlafen – was nicht einfach war, weil meine kotzenden Kommilitonen viel Platz beanspruchten. Während er dachte, ich beugte mich über Kunstgeschichte-Wälzer, trampte ich in europäische Metropolen, um an Orten auszustellen, an die sich vielleicht fünf Leute verirrten. Mir gefiel mein Leben. Der wunde Punkt: Ich betrog meine Eltern. Also nahm ich kein Geld mehr von ihnen an.

Danach hörte das Bluffen aber nicht auf. Denn nun beschwerte mein Vater sich, dass ich mit den drei Nebenjobs meinen vollen Stundenplan nicht schaffen würde. Dabei klang „Kunstakademie“ doch bloß akademisch. Ich redete wieder alles schön und beschloss zugleich, meine Seite des Deals zu erfüllen. Ich belegte zusätzlich Kunst als Lehramt, denn dafür gab es das Staatsexamen, das ich auch bestand. Die dünne graue Bescheinigung erinnerte mich an Klopapier. Seit ich sie meinem Vater gezeigt habe, ist er beruhigt. Er bohrt nicht mehr nach.

Ich arbeite nun zwar nicht als Lehrer, Steuern werde ich in diesem Jahr trotzdem zum ersten Mal zahlen. Und erst dann wird Geld in der Beziehung zu meinen Eltern kein Schwachpunkt mehr sein.

90 Prozent der deutschen Studenten bekommen jeden Monat Geld von ihren Eltern. Fünf von ihnen berichten hier. (Übersichtseite)

Was loswerden? – Das Elterngeld wird hier im Forum diskutiert


 
 



 

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