Kunst
Auf die Kuh gekommen
In Edinburgh gastiert die größte Wanderkunstausstellung der Welt, die CowParade, für einen wohltätigen Zweck. Zuender-Autorin Juliane hat sich den riesigen Kuhstall mal angeschaut
Von Juliane Dreyer
Als Dudelsackspieler in Edinburghs Innenstadt hat man es meistens nicht leicht, besonders nicht in der Hauptsaison. Lächeln, blasen und gleichzeitig im Takt bleiben, das Ganze vor den Augen unzähliger schnappschusshungriger Touristen. Für ein paar Pfund stellt sich jedoch immer wieder eine handvoll traditionsbewusster Schotten in den ehrenvollen Dienst der Touristenindustrie. Seit dem 15. Mai sind die Street-Bagpiper nun einer arbeitsplatzgefährdenden Konkurrenz ausgesetzt: Das neue Objekt der Begierde besitzt keinen karierten Sack, dafür aber einen Euter.
Knapp 100 zumeist lebensgroße Plastikkühe säumen zurzeit die Strassen und öffentlichen Plätze Edinburghs und erregen die Aufmerksamkeit sämtlicher Neuankömmlinge in der Stadt. Die so genannte CowParade gilt als größte Wanderkunstausstellung der Welt und verwandelte schon Städte wie New York, Tokio, Sydney und Moskau in einen riesigen Kuhstall. Dass nun unzählige Touristen die Wiederkäuer nutzen, um Verwandte zu Hause mit einem in Bits und Bytes gebannten Kuh-Ritt zu beeindrucken, trifft dabei wohl genau den Grundgedanken der Veranstalter: Suddenly people see that art can be fun and that art can be interesting to everyone, not just people who frequent museums, wie der Event Organizer Peter Hanig auf der
Website der CowParade
erklärt.
Kunst für jeden zugänglich machen, ein Prinzip dass im Falle der CowParade wirklich zu funktionieren scheint. Leider gehören die Installationen aber deshalb nicht unbedingt zur Hohen Kunst, das geben die Veranstalter sogar offen zu. Dabei sind durchaus echte Künstler an der Kuhgestaltung beteiligt. Vor jeder CowParade werden lokal ansässige Kreativköpfe um die Bemalung der tierischen Leinwände gebeten, natürlich inspiriert von kulturellen Hintergründen und beeinflusst von der individuellen Interpretation der Kuh als Kunstobjekt. Allerdings zeugen schon Namen wie Coooool
Moo
, The Com
moo
nicators, Phar-
moo
-ceutical oder Al
Cow
pone mit ihrem wiedergekäuten Wortwitz eher von Über-muh-tigkeit einiger Künstler als von Kreativität.
Dass die Schickimicki-Kuh mit Stöckelschühchen im Einkaufszentrum, die Nightmoo in Skelettoptik vor der andächtigen St. Giles Cathedral oder die Stofffetzen-Kuh im Schaufenster des renommierten Kaufhauses Jenners tatsächlich zu viel des Guten sind, beweisen auch vereinzelte aber gezielte Graffiti-Übergriffe der letzten Wochen. Eine Kuh wurde sogar in einer Nacht- und Nebelaktion von ihrer Herde entwendet, und trotz eingerichteter Nothotline konnte Fruit Smooothie bisher noch nicht wieder in Sicherheit gebracht werden. Dabei ist Edinburgh nicht die erste Stadt, in denen die bunten Plastikkühe für Aufruhr sorgen: 2004 löste die Ausstellung in Prag sogar regelrechte Randale aus, bei denen mehr als ein Viertel der Wiederkäuer zerstört wurde.
Was machen schon ein paar Plastikkühe, könnte man denken. Aber eine Kuh weniger heißt auch ein Verkaufsobjekt weniger. Nach Ende einer jeden Ausstellung wird die CowParade nämlich zur Veräußerung für einen wohltätigen Zweck freigegeben und hat auf diese Weise schon mehrere Millionen Euro zur Unterstützung von Kranken und Kindern eingebracht. Der Erlös der Edinburgher Ausstellung geht an zwei schottische Wohltätigkeitsverbände, die sich zum einen Bauern in den ärmsten Ländern der Welt widmen und zum anderen um die soziale Gleichstellung in Edinburgh bemühen. Da kann man nur hoffen, dass sich ein paar Liebhaber der kuh-mischen Kunst in Edinburgh finden und dass am Ende vielleicht auch ein bisschen Geld für die existenzgeschädigten Street-Bagpiper übrig bleibt.