Rechtsextremismus im Netz

"Beharrlich und manchmal klug"

Neonazis gibt es auch in der Wikipedia. Günter Schuler hat ihren Einfluss untersucht. Sein Eindruck: Sie werden mehr. Ein Interview.

Fragen von Patrick Gensing

ZUENDER: Das Projekt Wikipedia hat sich der Aufklärung verschrieben, im Gegensatz zu Rechtsextremisten. Gibt es dennoch rechtsextreme Wikipedia-Editoren?

Günter Schuler: "Der Aufklärung verschrieben" klingt etwas zu pathetisch. Wenn man sich die Geschichte von Wikipedia anschaut, ist das erst einmal ein Medium, das auf der Technik des kollaborativen Arbeitens aufbaut. Was nun passiert ist: Wikipedia wurde vom eigenen Erfolg überrannt. Man will alle Informationen bringen und die größte Enzyklopädie schaffen, die es jemals gab. Aber das hat auch einige Nebenwirkungen.

Welche?

Unter anderem wird gegenüber rechtsextremen Personen - wenn überhaupt - sehr unkritisch reagiert.

Was konkret bedeutet "sehr unkritisch"?

Beispielsweise gab es bei einer Biografie Literaturhinweise auf den Völkischen Beobachter und zu NS-Literatur. Daraufhin haben sich User beschwert. Es passierte dann das, was leider kein Einzelfall, sondern eher Methode ist: Einige Administratoren sind über die Kritiker hergefallen. Es hieß dann, Wikipedia werde sich keiner Zensur unterwerfen, und es müssten alle Quellen herangezogen werden. So können auf breiter Front revisionistische Meinungen verbreitet werden.

Welche Umstände erleichtern es rechten Editoren außerdem, an Einfluss zu gewinnen?

Auf jeden Fall die inhaltliche Beliebigkeit. Der Wikipedia-Grundsatz "neutral point of view" wird überhaupt nicht weiter spezifiziert. So kann jeder seine Quellen einbringen und behaupten, sie seien relevant. Das hört sich zwar erst mal gut an, aber in der Praxis können Holocaust-Leugner beim Thema Holocaust eingeführt werden, nur weil es die gibt. Zwar wird in solchen Fällen noch eingeschritten, doch bei anderen Themen, die weniger bedeutend sind, ist das inzwischen Usus.

Rechtsextremisten argumentieren gerne relativistisch. Vollkommen verschiedene Dinge werden in Beziehung zueinander gesetzt. Ist dies auch bei Wikipedia zu beobachten?

Es gibt eine Reihe von Artikeln, die so aufgebaut sind. Aktuelles Beispiel waren die Äußerungen von Eva Herman. Bei Wikipedia war dazu ein Artikel zu finden, der relativierend schreibt, Eva Herman sei auf Grund von Presseberichten entlassen worden. Eine Formulierung, die den Sachverhalt an sich in Frage stellt. Ähnlich könnte man dann schreiben "Laut Historikern und Büchern war Adolf Hitler von 1933 bis 1945 Reichskanzler". Eine distanzierende und subtile Argumentation wird also benutzt

Wie gehen rechte Editoren strategisch vor, um ihre Einträge zu verteidigen oder um Themen zu setzen?

Zum Teil sehr klug, aber vor allem äußerst beharrlich. Beispielsweise wird bei Artikeln zum spanischen Bürgerkrieg erst einmal die Gleichsetzung von spanischen Nationalisten und Faschisten abgewehrt. Und die Bombardierung von Guernica wird so dargestellt, als habe es sich um eine reine Kampfhandlung gehandelt. Guernica wird wiederum verglichen mit der Bombardierung von Dresden. Man hat da seine liebe Mühe und Not, als Autor gegen diese Nebelbomben anzukommen und zu argumentieren. Das ist sehr mühsam. Und viele Leute scheuen sich auch. Dadurch ist diese Strategie teilweise von Erfolg gekrönt.

Was müsste passieren bei Wikipedia?

Die Leute, die versuchen, dagegen zu steuern, haben es sehr schwer. Bei Wikipedia gibt es eine gewisse Kritikrenitenz. Das ist nachzuvollziehen, weil die Macher unter großem Erfolgsdruck stehen. Andererseits verhindert diese Haltung Verbesserung in diesem Bereich, zum Beispiel eine Antidiskriminierungs- und Antifaschismusetikette.

Ich schätze die Community als größtenteils sehr unpolitisch ein. Auch viele der Administratoren halten sich explizit von politischen Themen fern. Man steht dem einerseits hilflos gegenüber, auf der anderen Seite legen viele auch eine falsche Toleranz an den Tag.

Rechtsextremisten propagieren oft den "Kampf um die Köpfe". Die Strategie, Wikipedia zu entern, scheint geschickt. Könnte sie langfristig Erfolg haben?

Ich sehe mittelfristig eine Gefahr. Denn Wikipedia ist nach Google das größte Nachschlagemedium im Internet. Es genießt breite Akzeptanz, nicht zuletzt bei Journalisten. Aber auch Schüler und Studenten nutzen Wikipedia sehr viel - und denen fällt es wahrscheinlich noch weniger auf, wenn Einträge eine rechte Schlagseite haben. Und wenn Wikipedia auf diese Gefahr nicht reagiert, könnten ganze Themengebiete rechts eingefärbt werden. Es gibt viele Einfallstore dafür: Die Totalitarismus-Theorie oder auch biologistische Inhalte versuchen die Rechten so in die Köpfe der Leute zu pflanzen.

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45 / 2007
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