INTEGRATION

Dazugehören

Die Deutschen loben mein Deutsch und die Türken mein Türkisch. Sprache allein reicht nicht, um dazuzugehören.

von Selim Özdogan

Auch wenn ich aus Trotz und weil ich es falsch finde dagegen ankämpfe, ich weiß, daß ich mit meinem Namen für zu viele Leute nie unter deutscher Literatur laufen werde. Es ist, wie es ist. Ich weiß auch, daß es bei diesem Kampf nicht um einen Sieg geht.

Im Supermarkt habe ich drei Teile in der Hand und gehe auf die Kasse zu, als ich eine junge Frau mit ihrer etwa sechsjährigen Tochter und vollem Einkaufswagen sehe, also gehe ich einen halben Schritt schneller, um meine Sachen vor ihnen aufs Band zu legen.

Die Kleine sagt auf türkisch zu ihrer Mutter: Mama, der Mann hat sich vorgedrängelt, oder?

Ich drehe mich zu ihr um und sage, ebenfalls auf türkisch: Schau mal, ich dachte ihr habt einen vollen Einkaufswagen, ich nur die drei Teile und wären wir beide im gleichen Tempo weitergegangen, wären wir gleichzeitig an der Kasse gewesen. Da habe ich mir gedacht, ich gehe ein ganz kleines bißchen schneller, ich bin ja auch schnell fertig. Ich wollte mich nicht vordrängeln.

Die Kleine sieht zu mir hoch, dann dreht sie sich zu ihrer Mutter um und sagt, immer noch auf türkisch: Mama, ist das auch ein Türke?

Das passiert mir nicht nur mit Kindern, es passiert in Imbissen, Gemüseläden, bei Simitland und im türkischen Supermarkt. Ich rede türkisch mit den Leuten und oft genug registrieren sie es gar nicht und antworten mir auf deutsch und wir führen einen zweisprachigen Dialog. Oder sie merken es und fragen mich, ob ich Türke bin, obwohl meine Aussprache nichts Anderes nahe legt. Oder sie fragen mich, wo ich türkisch gelernt habe. Oder loben mich für meine saubere Artikulation.

Als würden ich nicht schon oft genug hören, daß ich gut deutsch spreche.
Als hätte ich nicht noch eine andere Front, an der ich kämpfe.
Sprache allein reicht in meinem Fall oft nicht, um dazuzugehören. Sprache allein bringt mich selten irgendwohin. Vielleicht sitze ich deswegen so oft zu Hause und versuche die Worten so zusammenzusetzen, daß ich glaube, da könnten Funken entstehen. Vielleicht gebe ich mir solche Mühe, weil ich genau weiß, wie unzulänglich mein Arbeitsmaterial ist.

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Nach Hause - Zuender. Das Netzmagazin

35 / 2007
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