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Breakdance

Moves für Touristen

Die Roc Kidz Crew verbringt den Sommer tanzend auf den Straßen und Plätzen Italiens. Was ist das für ein Leben?

Eine Platte aus laminiertem Pressspan und eine Mütze haben sie ins süditalienische Hinterladen mitgebracht. Fabian streckt seine Beine und beschleunigt wie eine Bohrmaschine. Das große Finale, 50 Umdrehungen auf seinem Kopf.

„Das ist der Flash, der eigentliche Kick an dem Move“, sagt Fabian später, so ruhig, als würde er aus seiner Betriebsanleitung zitieren.

In ihrer Straßenshow sind sie die Roc Kidz Crew: Navid aus Iran, Fikri aus der Türkei, Massimo aus Sizilien und Fabian aus Japan. Untereinander sprechen sie Deutsch, denn aufgewachsen sind sie in Bayern, Schwaben und der Schweiz.

Fabian zum Beispiel, 26 Jahre alt und gelernter Elektroniker, stammt aus Romanshorn, eine Endstation am Schweizer Ufer des Bodensees. Ein Ort, für den der Lonely Planet gerade noch das Prädikat „mittelmäßig“ übrig hat.

Im Fernsehen sah Fabian vor zehn Jahren zum ersten Mal einen Menschen, der sich auf dem Kopf drehte. Wenig später platzierte er seinen eigenen Kopf auf einem Sichtmäppchen und versuchte selbst eine Umdrehung. Nach einem Monat schaffte er drei. Dann gründete er seine erste Crew.

Die war ein ziemlicher Absturzverein. Wer sich ein Paar Schuhe (oder eben auch nur ein Paar Schuhe) leisten konnte, war dabei. Leute, die im Dorf nicht sonderlich hoch angesehen waren. Aber wenn sie tanzten, hat man ihnen zugejubelt und die Zeitung berichtete über sie.

Doch manchen war das Tanzen irgendwann nicht genug: „Drogen kommen ins Spiel, es macht Klacks und weg ist der erste. Dann kommt der zweite: Familiäre Probleme, Drogen und weg.“ Wieder so ein Satz aus der Bedienungsanleitung.

Plötzlich war Fabians Crew nur noch ein Einmannverein. Er fand am anderen Ufer in Deutschland Gruppen, denen es nicht besser ging. So entstand die heutige Roc Kidz Crew.

Wenn das Publikum auf der Straße lahm ist und die italienischen Macker ihre Hände nicht aus den Hosentaschen bekommen, ruft Massimo, der als einziger Italienisch spricht: „He Amigo! Wenn du so klatschst, tust Du Dir weh!“.

Aber heute, vor der Gelateria Paradiso di Stelle in einem Ort namens Bellizzi, haben die Jugendarbeiterinnen ihre Schützlinge mitgebracht. Die kreischen sogar vor Begeisterung.

„Dieser Moment, in dem wir Tanzen, ist der wahre Moment in unserem Leben“, sagt Fabian, als wir zurück sind im römischen Spießerviertel Monteverde, wo die Gruppe eine Wohnung gemietet hat. „Der Rest ist ein ganz normales Leben: Einkaufen, Waschen, Putzen.“

Dieses Leben führen die Jungs in einer Zweizimmerwohnung, in der keine Türen die Musik aus dem Wohnzimmer von der Stille im Schlafzimmer trennen. Die ganze Wohnung hat dieses Flair des Provisorischen. Keine Gläser, nur Campingbecher. Dafür ein Palmengarten.

„Wir sind hier in unserer Welt, ohne Verantwortung“, sagt der 27-jährige Fikri. „Wir schauen keine Nachrichten, kein Fernsehen. Das Potential an Aufmerksamkeit, das dadurch aufgebraucht wird, haben wir statt dessen in uns und es fließt in unser Leben und das Tanzen ein. Das geben wir auf der Straße weiter.“

Die Münzen, die sie über den Tag sammeln, tauscht Massimo, der als einziger Italienisch spricht, auf der Bank gegen Scheine ein und zahlt so die Miete.

Das war mal anders: Sogar beim Battle of the Year, der weltgrössten Meisterschaft im B-Boying, stand die Roc Kidz Crew auf der Bühne. Doch mittlerweile haben sie die Wettkämpfe aufgegeben. Auf den Straßen Italiens glauben sie, eine ehrlichere Form des Tanzens gefunden zu haben. Da seien alle Sieger, sagt Fabian.

Massimo, der gelernte Elektriker aus Lindau, sieht das etwas pragmatischer: „Die jüngeren Tänzer sind einfach voll gelenkig, machen harte Sachen, die wir mit unserem Körper gar nicht mehr machen können.“

Ihre Bühne ist jetzt die Piazza Navona, seit Jahrhunderten ein Ort für Kitsch, Kunst und Klamauk im Stadtzentrum Roms. Die Carabinieri sind hier in erster Linie um den ungestörten Feierabend eines hohen Staatsbeamten besorgt und achten lediglich auf die Lautstärke der Musik.

Der Handpuppenspieler Marcel versucht zumindest zu verhindern, dass sich die Künstler, reisende und solche, die seit Jahren von der Piazza leben, gegenseitig die Show stehlen. Er selbst lässt alle halbe Stunde seine Finger zu Popklassikern tanzen.

Ab Oktober wird es schwierig, mit den wenigen Touristen einen Circle zu bilden. Fabian will den Winter darum in Berlin verbringen und an einem Film über das Tanzen auf der Straße arbeiten. Die anderen werden noch sehen.

Navid, seit seiner Kindheit ein Kunstturner, ist mit 24 der Jüngste und weiß, was wer will: Berufsbezeichnung Stuntman. Er ist auf der Rückbank des Minibusses auch der einzige, der sich den Gurt umlegt.

Dann setzt Fikri am Steuer sein JAZZ-Käppi auf und rauscht wie im Delirium durch die italienische Nacht. Als die Gruppe vor zwei Jahren nach Italien aufbrach, hat Fikri all seine Kindheitsfotos zu Asche gemacht und an der Küste Kalabriens in den Wind gestreut.

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