SEXARBEIT

Im Rachen der Gesellschaft

Das US-amerikanische $pread Magazine betrachtet die Sexindustrie von einer anderen Seite. Nämlich von innen.

Von André Pluskwa

"Als ein Kunde mich bat, Honigbienen in seine Unterhose zu stecken, habe ich Nein gesagt. Es ist zu grausam für die Bienen", sagt Veronica Monet. Die Frau aus Nevada City in den USA hat schon in fast allen Zweigen der Sexindustrie gearbeitet: als Erotikmodell, Amateurpornodarstellerin, Escortesse, Kurtisane und Sexlehrerin.

In den Vereinigten Staaten verdienen unzählige Menschen so ihr Geld, Sexarbeiter werden sie genannt. Moralisch und juristisch gesehen dürfte es sie in den USA gar nicht geben. Prostitution zum Beispiel ist in fast allen Staaten illegal, außer Rhode Island hat nur Nevada die Gesetze gelockert (in Nevada liegt die Casino-Stadt Las Vegas). In der Realität jedoch blüht das Geschäft mit den Sexarbeitern.

Sie alle zu erreichen, ist das Ziel des Magazins $pread – hier schreiben Sexarbeiter für Sexarbeiter. In $pread können Frauen wie Veronica Monet unbefangen über ihre Arbeit berichten.
Rachel Aimee, die als Tänzerin in einer Bar New Yorker Stadtteil Queens arbeitet, gibt das Magazin ehrenamtlich mit zwölf Mitstreiterinnen heraus. Bevor es sie in die Sexbranche verschlug, war sie unter anderem als "aufstrebende Drehbuchautorin in Bournemouth, Englischlehrerin in Bangkok und gelangweilte Rezeptionistin in New Jersey" tätig.

Die erste $pread-Ausgabe im März 2005 wurde noch durch Partys finanziert. Inzwischen trägt sich das Magazin durch Abonnements, Verkäufe und ein wenig Anzeigen-Werbung selbst.
Obwohl ein Online-Magazin billiger wäre, ist es Rachel Aimee wichtig, dass $pread als gedrucktes Heft erscheint: "Es ist ein Mythos, dass heutzutage jeder einen Internetzugang hat. Die meisten Sexarbeiter sind unterbezahlt und leben in unsicheren Verhältnissen. Gäbe es uns ausschließlich online, nähmen sie von uns keine Notiz."

So aber kann das Heft per Post direkt an die Arbeitsplätze derjenigen gelangen, für die es gemacht wird: in die Stripclubs, einschlägigen Hotels und Bars, aber auch in die selbst verwalteten oder staatlichen Anlaufstellen für Stripperinnen und Prostituierte.

Neben den Abonnements werden jeden Monat 500 Exemplare an Sexarbeiterorganisationen im ganzen Land verschenkt – bei einer Gesamtauflage von 3.000. Auf diese Weise will $pread auch jene jungen Frauen erreichen, die ein politisches Magazin nicht unbedingt in die Hand nehmen würden.

Ein weiterer Vorteil des gedruckten Magazins ist, dass man es beiläufig bei Freunden oder in Cafes liegen lassen kann. Wo es dann von Menschen gefunden wird, die nicht zwingend danach gesucht haben. Im besten Fall schafft das Magazin auf diese Weise ein neues Bewusstsein für Themen wie Prostitution, Zuhälterei, Aspekte der Kriminalisierung oder die Gefahr von Geschlechtskrankheiten.

Amerikanische Durchschnittsbürger sollen verstehen: Sex ist auch eine Form von Arbeit, für die es eine Nachfrage gibt. Und die Dienstleisterin, die diese Nachfrage befriedigt, verdient dafür den gleichen rechtlichen Schutz und die gleiche Absicherung wie etwa eine Physiotherapeutin. Dieses Bewusstsein zu schaffen ist eines der Ziele von $pread, das sich auch als Sprachrohr der Sexarbeiter versteht.

Einer Branche das Stigma zu nehmen, die in erster Linie mit den anstößigen Aspekten von Sex zu tun hat, ist keine leichte Aufgabe. Vor allem in einem Land wie den USA, in dem fundamentalistische Christen gewichtige Teile der öffentlichen Meinung bestimmen. Um Anerkennung für diese Formen von Arbeit zu erreichen, muss überhaupt erst ein Zusammengehörigkeitsgefühl der Sexarbeiter untereinander geschaffen werden.

Deshalb lässt $pread vor allem die Sexarbeiterinnen selbst sprechen. Sie sollen ihre Geschichten erzählen, Gemeinsamkeiten entdecken und Erfahrungen austauschen können. Und so zu einer selbstbewussten Haltung finden. "Wir bieten verschiedenen Stimmen ein Forum, unabhängig davon, welche Meinung sie vertreten," sagt Rachel Aimee.

Die Themen und Geschichten, von denen diese Stimmen sprechen, sind nicht jedermanns Sache. Als echtes Branchenblatt nimmt $pread kein Blatt vor den Mund oder andere Körperöffnungen. Umfragen darüber, was die Sexarbeiter für Geld nicht tun würden, stehen hier direkt neben dem Bericht einer Prostituierten, die missbraucht wurde.

Gewalt und Ausbeutung gehören in diesem Geschäft zum Alltag. $pread will das nicht beschönigen oder leugnen. Gleichzeitig ist es Aimee und ihren Mitstreiterinnen wichtig zu vermitteln, dass auch in diesen Berufen Spaß, finanzieller Erfolg, Erfüllung und Selbstbestimmung unter bestimmten Bedingungen möglich sind. Konservative Christen und dogmatische Feministinnen hören das nicht gerne.

Auch von anderen wird das Magazin häufig missverstanden. Obwohl die Redaktion besonders darauf achtet, keine explizit pornografischen Bilder zu drucken, sortieren einige Läden $pread in die Abteilung Porno – eine Kategorisierung, die Rachel Aimee besonders aufregt. "Niemand, der ein Pornoheft sucht, würde $pread kaufen. Manche Leute wollen nicht verstehen, dass es ein Magazin über die Sexindustrie geben kann, das nicht dazu gedacht ist, jemanden scharf zu machen."

Sie selbst würde $pread am liebsten neben anderen unabhängigen Magazinen sehen, welche die Anliegen von Frauen oder Arbeitnehmern stützen.

Independent, unabhängig, das wäre ein gutes Label für $pread: "Magazinerfahrung hatte keine von uns. Wir haben uns alles selbst beigebracht," sagt Rachel Amiee. Dafür kennen alle Mitarbeiterinnen die Branche von innen, sei es als Tänzerin oder durch die Arbeit bei einer Hotline für Vergewaltigungsopfer. Bereits im ersten Erscheinungsjahr wurde $pread mit dem Utne Independent Press Award zur besten Neuerscheinung des Jahres gekürt.

Das Leserfeedback ist für die Macherinnen wichtig. Vor kurzem schrieb jemand: "$pread lesen ist wie im Ausland jemanden treffen, der deine Sprache spricht." Bei solchen Reaktionen wird Rachel Aimee euphorisch. Sie weiß dann, dass es da draußen jemanden gibt, für den das Heft gemacht wird. Dass alle Mühe sich lohnt. Damit diejenigen, die jeden Tag ihren Körper anbieten, öffentlich machen und der Ausbeutung aussetzen nicht ohne Rechte und Lobby bleiben werden.

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07 / 2008
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