Frankreich

Dicke Sozialisten in der Sonne

Zum ersten Mal seit dem Wahlsieg Nicolas Sarkozys wird in Frankreich wieder demonstriert. Doch am "Tag der nationalen Solidarität mit den Ausländern" kam keine Stimmung auf – obwohl der Präsident wirklich unbeliebt ist

Von Patrick Kennedy

In Paris treffen sich die Demonstranten am Samstagnachmittag bei strahlender Sonne in Belleville, dem linken Herz der Stadt auf dem rechten Ufer der Seine. In diesem Quartier wohnen Araber, Chinesen und Afrikaner, dazwischen die linke Boheme, Künstler und Bettler. Die Straßen sind eng, die Stadthäuser werfen tiefe Schatten. Viele Menschen erledigen noch Einkäufe und drängen sich ungeduldig durch die Demonstranten.

Noch ist nicht viel los, man trudelt gemütlich ein, von der gefürchteten Gendarmerie keine Spur. Ein elegant gekleideter Gewerkschaftsführer gibt Interviews vor einem Tross afrikanischer Arbeiter mit gelben Bauhelmen. Sie stehen hinter einem Transparent, das Aufenthaltsberechtigungen für die illegal in Frankreich lebenden Kollegen fordert. Für die Kameras stimmen sie schon mal Protestparolen an: "Travailleurs sans papiers, Travailleurs égalisé!"

Galerie: "Tag der Solidarität mit den Ausländern"

Galerie: "Tag der Solidarität mit den Ausländern"

Galerie: "Tag der Solidarität mit den Ausländern"

Reggae-Musik und afrikanische Trommelrhythmen wummern in der Luft, einige Menschen tanzen, Organisationen und Verbände scharen ihre Anhänger um sich. Gekommen sind Kommunisten, Sozialisten, Anarchisten und Menschenrechtsverbände, die sich für die Sache der Einwanderer und deren Kinder stark machen. Als alle da sind, setzt sich der Tross von etwa 4000 Menschen langsam in Bewegung.

Es geht den Berg von Belleville hinunter ins Zentrum von Paris. Die Menge schiebt sich vorbei am Canal St. Martin und überquert den Place de la Republique. Dort wird spontan wird die Nationalhymne angestimmt. Danach geht es weiter im Text: "Sarkozy casses toi, Sarkozy casses toi" – "Sarkozy hau ab".

Redet man so mit dem Präsidenten? Sarkozys Minister Brice Hortefeux, zuständig für Immigration, Integration und nationale Identität, hat Ende September einen Gesetzesentwurf präsentiert, der für zukünftige Einwanderer einen Sprachtest und einen DNA-Test vor Familienzusammenführungen vorschreibt. Durch letzteren soll die Verwandtschaft von vorgeblichen Familienmitgliedern bewiesen werden.

Die Reaktionen auf diesen Vorschlag waren auch innerhalb der konservativen Regierungspartei UMP heftig – die DNA-Registrierung von (zum großen Teil afrikanischen) Immigranten wird als gezielter Versuch aufgefasst, diese zu stigmatisieren. Die Linke wirft Sarkozy vor, er wolle mit diesem Gesetz, die bei Le Pen frisch gefischten rechtextremen Wähler umgarnen: Im nächsten Frühjahr stehen Kommunalwahlen an.

Das offen propagierte Ziel der Regierung Sarkozy ist außerdem, nur noch produktive, der Volkswirtschaft dienliche Einwanderer ins Land zu lassen. Aus der "erlittenen Einwanderung" der Vergangenheit soll nun eine "gewünschte" werden. Am 23. Oktober wird in der Nationalverdammlung über das Gesetz entschieden.

Es sind viele Kinder mit ihren Eltern, aber auch ältere Bürger im Demonstrationszug. Der Protest ist friedlich, es wird gesungen und getanzt, eine leichte Volkfeststimmung macht sich breit. Heute gibt es hier keine Straßenschlachten, es befindet sich keine linksradikale Fraktion unter den Demonstranten, und die Polizei hält sich diskret zurück, regelt den Verkehr.

Die Demonstration hat Routine und es scheint, als spielten alle Beteiligten ein Spiel, in dem die Rollen und der Ablauf längst bekannt sind. In den Cafés sitzen dicke Sozialisten in der Sonne und winken müde mit ein paar welkenden Rosen. Auch die französische linke Volksparteihat keine Ideen, kein politisches Konzept mehr, sie ist von Wahlniederlagen und Skandalen zerfressen, wurde von Sarkozy geschlagen .

Vor den Pubs im Touristenviertel prosten Engländer den Demonstranten zu. Sie wärmen sich auf für das Finale der Rugby-WM am Abend und wirken fehl am Platze – der Kontrast zu den demonstrierenden Immigranten schreit geradezu.

In den französischen Medien standen in den vergangenen Tagen neben dem Streik der Lokführer und Busfahrer vor allem zwei Themen im Vordergrund: Die Rugby-WM und die Scheidung von Nicolas und Cécilia Sarkozy. Man munkelt, dass die Scheidung bewusst in diesen kritischen Tagen vollzogen wurde, Sarkozy ist seit Monaten allgegenwärtig in den Medien .

Doch die Demonstration hat an diesem Tag ihren eigenen Liebling gefunden. Begeistert fotografieren alle einen jungen Einwanderer, der sich aus Pappe eine Kamera gebastelt hat und nun den Protest "filmt" und Interviews mit den Demonstranten führt. Die Idee ist gut, er überbrückt spielerisch die Kluft zwischen der bürgerlichen Medienmacht und der prekären Situation schwarzafrikanischer Immigranten. Vielleicht denkt er aber ganz anders darüber, man kann ihn dazu nicht befragen, er ist zu sehr beschäftigt.

Es wird Abend und es ist kalt. Die Demo hat am Place du Conseil d’Etat ihr Ziel erreicht. Es gibt noch ein paar Reden, doch die Luft ist lange raus, und die Menge löst sich schnell auf. Ein paar Hundert hören sich noch die Vertreter der verschiedenen Parteien an, dann fangen die Helfer an, die Wagen abzubauen und der Rest geht nach Hause. Es ist fast dunkel und der immer lärmende Verkehr hat die Herrschaft über die Stadt zurück gewonnen. Das Ende eines verheißungsvollen Tags kam plötzlich. Was bleibt? Das Rugbyfinale. Und das leere Gefühl, dass es heute für die Immigranten nicht gereicht hat.

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43 / 2007
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