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Sonntagstext

"Ich lebe nicht für die Kunst gerade, ich sehne mich nur danach"

TEIL 2

Wenn sie sich nach Beschwichtigung sehnt, ruft sie ihre beste Freundin Frauke an. Die war auch mal Lyrikerin, und dealt heute mit expressionistischen Versen, mit der Weltkriegswut der zehner Jahre. Vor Jahren lautete eine Headline der BILD: "Kinder fallen tot vom Himmel". Das war nach dem Absturz eines Flugzeugs mit Schulkindern in den neunziger Jahren, klang aber wie aus einem expressionistischem Gedicht. Da kam Frauke die Idee, von nun an nur noch expressionistische Gedichte zu zerschnippeln und die einzelnen Verse bei sämtlichen Schmierblättern einzureichen. Und so kam es auch. Auf diese Weise hat sie das ganze Gedicht "Weltende" von Jakob van Hoddis verbraten, Verse wie: "Dachdecker stürzte ab und ging entzwei!", und alles von Georg Heym und Walter Hasenclever: "Selbstmörder gehen nachts in großen Horden" oder "Misshandelt stirbt ein Kind und zugemauert". Du musst ja nicht deine eigene Poesie verbraten, sagt Frauke. Mach’s wie ich und bedien dich bei anderen. Schnapp dir die Bachmann! Sternblumen, Silbersandmusik... darauf fährt die Mittelschicht ab! Vom Herzleid zur Headline, sagt sie, ist es nur ein Katzensprung, schnippelt dreimal mit der Schere und legt auf.

Beschwichtigend wirkt das aber nicht wirklich, Hannas Albträume nehmen eher noch zu. Einmal träumt sie, dass ihr Ingeborg Bachmann an die Gurgel geht und wispert: "Noch so ’n Slogan, Seele verbogen!" Wenn sie schweißüberströmt aufwacht, schreibt sie ihrem Exfreund, einem Immernochlyriker, eine Mail: "Ich lebe nicht für die Kunst gerade, ich sehne mich nur danach." Immer den gleichen Satz. Und auch er antwortet immer mit dem gleichen: "Baby, wer noch weiß, was ein Gedicht ist, wird schwerlich eine gut bezahlte Stellung als Texter finden."

Ich war auch mal Lyriker, gesteht ihr der Froschblütige einmal nach dem dritten Humpen Bananenweizen, und sieht auf einmal gar nicht mehr frosch-, eher heißblütig aus. Neue Subjektivität, sagt er. Ich sehe aus dem Fenster und erblicke die Wäscheleine. Zeilenbruch. Meine Latzhose flattert im Wind. Auch der Overall, Zeilenbruch, der Frau, die ich, liebe, Zeilenbruch, den ich immer noch mitwasche, auch wenn sie mich längst verlassen hat. Die Blutflecke im Schritt werden von Waschgang zu Waschgang matter. Vom Daktylus zum Aktienkurs ist es, sagt er dann, und Hanna sagt: Ich weiß. Am nächsten Morgen, zwischen Tür und Angel, flüstert ihr die Sekretärin der Agentur ins Ohr: Willst du mal in meine Schublade sehen? Randvoll mit verwesten Versen! Aber Hanna will nicht, sie hat genug, sie eilt an ihr vorbei ins Damenklo und steckt sich den Finger in den Hals. Aber es kommt nichts.

Auch schön:

Vergangene Woche - Sebastian Dalkowski erzählt von Drachen und Vätern

Mehr zu lesen - gibt es in den Quelltexten

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