Sonntagstext
„Ich lebe nicht für die Kunst gerade, ich sehne mich nur danach“
Sonntagstext (5): Werbepoesie – wenn der Vers zum Slogan gerinnt
Von Ella Carina Werner
Hanna schrieb Gedichte. So lange, bis ihr der Froschblütige aus der Werbebranche einen Job anbot. Dass ihr Dasein als freie Lyrikerin ein Witz sei, flüsterte er, und eine finanzielle Verjuxung ihres Talentes. Dass sie aber eine schöne Schreibe habe, und er eine Werbeagentur. KISS, raunte er. Keep it simple and stupid.
Die Werbeagentur des Froschblütigen beschäftigt drei Ex-Lyriker: Jan, den Experimentellen, mit aufgesetzter Breitrandbrille und abstrakt gemusterter Krawatte; Linda, die Grobschlächtige, mit dicken Zöpfen und Brüsten; und seit kurzem auch Hanna. Jan ist der Topwriter, ein Routinier im Zertrümmern von konventioneller Sprache, ein Sprachartist avant la lettre, ein Meister des Dernier Cri. Er ist zynisch, fast liebeleer, er plündert und plaudert die poetischen Verfahren sprachlicher Verfremdung aus, er geht auf Poetry Slams und Sessions in Souterrains, um sich zu inspirieren, er dreht den neoavantgardischen Nerds die Wörter im Mund um – um deren Sprache aber letztlich handzahm und sozial verträglich zu machen, zu Buchstabenscherzen zu verharmlosen, denn nur ein Hauch von Extravaganz ist erlaubt: „g mit der Mode – g mit goetz!“ Jan macht Oberschichtenwerbung.
Linda ist die Fachfrau fürs Eingängige, ihre Zielgruppe ist das gemeine Volk. Sie ist arglos und unterbelichtet, sie ist froh, dass ihre Reime gedruckt werden, egal wofür: „Sei schlau, telefonier mit blau“, „Willst du Prozente an der Kasse, kauf dir die Karte, die ist klasse“. Das geht direkt ins Blut, das ist poetischer Populismus. Dich habe ich angestellt, sagte der Froschblütige zu Hanna, um die Mittelschicht zu packen. Ein bisschen altbacken, ein bisschen extraordinär. Eben altordinär. Oder extrabacken.
Hanna textet, wie ihr befohlen, und ist darin, zu ihrer eigenen Bestürzung, richtig gut. Linda klatscht in die Hände, der Froschblütige ihr auf den Po und sogar Jan zieht ab und an eine anerkennende Braue hoch. Parallel zu ihren Wertpapieren und ihren werbepoetischen Coups mehren sich aber auch ihre Gewissensbisse, vor allem nachts, wenn sie allein im Bett liegt. Sprache sollte doch auf Wahrhaftigkeit zielen, spukt es ihr dann durch den Kopf. Enthüllen soll sie, nicht das Gegenteil. Ach, du musst abkühlen, du musst auskühlen, denkt sie. Und hatte nicht Kurt Schwitters auch eine Werbeagentur?
Wenn sie sich nach Beschwichtigung sehnt, ruft sie ihre beste Freundin Frauke an. Die war auch mal Lyrikerin, und dealt heute mit expressionistischen Versen, mit der Weltkriegswut der zehner Jahre. Vor Jahren lautete eine Headline der BILD: „Kinder fallen tot vom Himmel“. Das war nach dem Absturz eines Flugzeugs mit Schulkindern in den neunziger Jahren, klang aber wie aus einem expressionistischem Gedicht. Da kam Frauke die Idee, von nun an nur noch expressionistische Gedichte zu zerschnippeln und die einzelnen Verse bei sämtlichen Schmierblättern einzureichen. Und so kam es auch. Auf diese Weise hat sie das ganze Gedicht „Weltende“ von Jakob van Hoddis verbraten, Verse wie: „Dachdecker stürzte ab und ging entzwei!“, und alles von Georg Heym und Walter Hasenclever: „Selbstmörder gehen nachts in großen Horden“ oder „Misshandelt stirbt ein Kind und zugemauert“. Du musst ja nicht deine eigene Poesie verbraten, sagt Frauke. Mach’s wie ich und bedien dich bei anderen. Schnapp dir die Bachmann! Sternblumen, Silbersandmusik... darauf fährt die Mittelschicht ab! Vom Herzleid zur Headline, sagt sie, ist es nur ein Katzensprung, schnippelt dreimal mit der Schere und legt auf.
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