Iran

Ayatollah trifft Coca-Cola

Denkt man an Iran, denkt man an Ahmadineschad und Atombomben. Aber wie sieht dort der Alltag aus? Regisseur Mohammad Farokhmanesh hat sein Heimatland besucht und porträtiert. Ein Interview.

Fragen von Hanna Huhtasaari

Herr Farokhmanesh, warum haben Sie diesen Film gedreht?

Ich hatte das Gefühl, dass das Bild, das die Menschen vom Iran haben, nicht der Realität entspricht. Die meisten kennen das Land nur aus den Nachrichten. Und da hört man nur: Atom. Atom. Atom. Dieses Bild wollte ich zurechtrücken. Ich wollte die Menschen zeigen, den Alltag der Mittelschicht, ihr normales Leben.
Ein zweiter Grund war, dass viele Iraner mich gebeten haben, einen Film zu machen, der das "wahre" Teheran zeigt. Film ist ein gutes Mittel, um das zu tun.

Warum heißt der Film Reich des Bösen ?

Um Aufmerksamkeit zu wecken. Es ist eine Anspielung auf die "Achse des Bösen" von George W. Bush. Bewusst oder auch unbewusst wird der Iran mit dem Bösen assoziiert. Meine Schwiegermutter zum Beispiel konnte sich nie vorstellen, in den Iran zu fahren. Nachdem sie dort war, hat sie es als die "Reise ihres Lebens" bezeichnet. Jetzt freut Sie sich jedes Mal wieder darauf.

Wie war es, für die Dreharbeiten wieder in Ihr Heimatland zurückzukehren?

Für die Recherchen und Dreharbeiten war ich nach sieben Jahren das erste Mal wieder in Iran. Ich war überwältigt und mindestens drei Tage lang neben der Spur. Die Mentalität der Menschen dort unterscheidet sich sehr von den deutschen. Es ist hektischer, das Tempo des Lebens ist viel höher. Außerdem prallen gerade in Teheran die westliche und die islamische Kultur stark aufeinander...

... Khomeini- und Märtyrerbildern neben westlichen Markenprodukten. Das sieht man auch im Film.

Iran ist ein Land der Widersprüche. Alles, was es in Deutschland gibt, gibt es auch in Teheran – Alkohol, westliche Filme, Popmusik – aber eben im Untergrund oder auf dem Schwarzmarkt: Über Satellit kann man ausländische Programme empfangen, sogar Pornosender. Auch der deutsche Fernsehkoch Tim Mälzer ist sehr beliebt. Mein Vater schaut gern deutsches Fernsehen, obwohl er kein Wort versteht. Das Interesse am Fremden ist sehr groß.

Wie waren die Dreharbeiten?

Es war das schwierigste Projekt meines Lebens. Ich habe schon vorher monatelang mit Behörden und dem Geheimdienst um die Drehgenehmigung verhandeln müssen. Später, während der Dreharbeiten, gab es trotzdem immer wieder Schwierigkeiten, weil die Genehmigungen nicht ausreichten. Ich musste dann an anderer Stelle wieder neue Anträge stellen.
Auch bei den Protagonisten musste ich sehr viel Überzeugungsarbeit leisten. Viele haben Angst, sich öffentlich zu äußern. Ich habe sechs Monate gebraucht, um fünf Protagonisten zu finden.
Ein Mal wurde ich verhaftet und war für einen Tag im Gefängnis. Wir haben Außenaufnahmen in Teheran gemacht. Vielleicht hat uns die Polizei Spionage vorgeworfen, ich kann da nur spekulieren. Im Iran wird einem nicht gesagt, warum man festgehalten wird.

Gab es Szenen, die sie nicht zeigen durften?

Es gibt eine Szene auf einer illegalen Party, auf der Alkohol getrunken und zu westlicher Musik getanzt wird. Die habe ich herausgenommen, weil ich die Protagonisten nicht in Gefahr bringen wollte. Würde das gezeigt, drohten ihnen Geldstrafen oder ein paar Tage Gefängnis.

Wird Ihnen der Film in Iran Schwierigkeiten bereiten?

Es könnte sein, dass ich bei meiner nächsten Einreise auf der schwarzen Liste stehe und festgenommen werde. Vielleicht bewirkt der Film aber genau das Gegenteil und ich schaffe es, etwas zu verändern, das Land stärker zu öffnen. Dann wäre es in Zukunft leichter.

Können Sie Ihren Film in Teheran zu zeigen?

Der Ershad, das Ministerium für islamische Führung, müsste den Film erst genehmigen. Er würde Szenen zensieren, zum Beispiel die, in denen ich eine junge Sängerin zeige. Frauen im Iran dürfen nicht allein, sondern nur im Chor singen. In anderen Szenen sieht man einige Frauen ohne Kopftuch, auch das würde nicht gezeigt werden.

Sie haben Ihre Teenagerjahre im Iran verbracht. Viele Dinge, die einen in dem Alter interessiert, sind dort verboten: Tanzen, westliche Musik, Alkohol.

Ich hatte auch meine wilden Zeiten. Man muss bedenken, dass es ein starkes Gefälle zwischen dem Leben in der Stadt und dem auf dem Land gibt. In Shiraz, wo ich aufgewachsen bin, gab es alles, was es im Westen auch gab. Zwar keine Diskotheken – die gibt es auch heute nicht. Dafür haben wir unsere eigenen Diskonächte organisiert.

Werden Sie in Deutschland mit Vorurteilen konfrontiert, weil Sie Iraner sind?

Manchmal würde ich lieber Michael als Mohammad heißen. Gerade bei Behörden und der Bank zum Beispiel hatte ich häufiger mal Probleme.

Wie ist die Stimmung? Spürt man die Angst vor einem Krieg mit den USA?

Man spürt Angst, die Menschen sind verunsichert. Die Polizei ist zunehmend nervös und auch das Militär bereitet sich auf einen Krieg vor, allerdings spricht es nie vom Krieg, sondern von Verteidigung.

Wie sehen Sie die Zukunft Irans?

Ich denke, ein bestimmter Teil der Bevölkerung geht mit der Regierung konform, der Rest baut sich seine eigene Welt. Die Menschen schaffen sich ihre Freiheiten. Das Land schwebt irgendwo zwischen Widerstand und Anpassung. Vor allem Frauen kämpfen im Rahmen ihrer Möglichkeiten um Ihre Freiheit. Teheran hat sich in den vergangenen Jahren sehr verändert und wird sich weiterhin verändern, auch durch das Satellitenfernsehen und das Internet. Da bin ich optimistisch.

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41 / 2007
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