Kein Urlaub

Mit Willy Brandt in Norwegen

Sonntagstext (2): Eine Berghütte, ein Kanzler, sein Fotograf und kein gutes Gefühl.

Eine Geschichte von Patrick Kennedy

Mir war kalt. Der Nebel lungerte schwer bei uns im Tal. Das zu Norwegen, dachte ich: Kalt und undurchsichtig. Kanzlerfotograf Möller schob seinen Kopf tiefer in den Kragen seiner Lederjacke und begann, nach einem endlosen Zug an seiner Zigarette langsam und sehr bedacht zu sprechen. Er vermied den Blickkontakt. Der Möller. Schaut einem nie in die Augen. "Wieso schauen sie den Menschen nie in die Augen, Möller?", unterbrach ich seinen Monolog rüde und war von meiner eigenen Wut überrascht. "Wovor haben sie Angst?" Er ignorierte mich. Er hatte mich nicht verstanden.

Abends in der Berghütte war es heiß und klebrig. Schweiß, lauwarmes Starkbier im Kreislauf, schwerer Zigarettenqualm, Möller, Guillaume und Brandt beim Zocken.
 Brandt: Alt war er geworden. Ein unendlich zerfurchtes Gesicht und irgendwo, in dunklen Untiefen, leere Augen. Manchmal schien es, als sei er schon auf bestem Wege ins kalte Grab."Wie lange gedenken Sie noch zu leben, Herr Bundeskanzler?" Ich konnte ihn nicht mehr anders ansprechen. Und ich konnte mich nicht mehr zurückhalten. Wieder nicht. Nie mehr.
Brandt antwortete: "Wissen Sie, im Grunde meines Herzens bin ich Pessimist. Man sagt Optimisten lebten länger. Das geschieht ihnen ganz recht. Ich habe keine Lust 100 Jahre lang zu leben. Und manchmal wünschte ich mir, dieser ganze Quatsch wäre schon vorbei. Aber gerade deswegen bin ich wohl dazu verdammt, noch eine Weile auf Erden wandeln."
Er überraschte mich immer wieder aufs Neue. Die Einladung mit ihm, seiner Familie, der Sekretärin, Guillaume und dem Kanzlerfotografen Möller nach Norwegen in den Urlaub zu reisen hatte mich aber regelrecht geschockt. Mit Willy Brandt in Norwegen? In den endlosen Wäldern eines so trostlosen Landes?

Nachts auf dem Dachforst der Hütte dachte ich zum ersten Mal über die Möglichkeit des Freitods nach. Und das nach nur einem Tagen Urlaub. Unterm Dach hörte ich Félize Sauermagen-Schuhdörff, Brandts Sekretärin, und Möller wild kopulieren. Das Gestöhne machte mich unglücklich. Ich weinte an wenig, und sinnierte trübselig über Stricke, Brücken und Wildschweine. Dann schlief ich ein.

Ich träumte von Johannes Rau, der die aufgebahrte Leiche Brandts aus einer Kapelle in Cornwall schaffte um sie anschließend über die Klippen in den Atlantik zu werfen. Wieder und wieder vervielfältigte sich das Bild vor mir in Variationen, wurde größer und wieder kleiner, verwandelte sich in ein Scherenschnit-Theaterstück. Aus Rau wurde Wilhelm Busch und aus Brandt Jesus Christus.
"VERRAT, VERRAT," wollte ich schreien, wachte aber auf und sah den Kanzler am Bettrand stehen, eine Kerze in der Hand.
Am nächsten morgen lehnte Möller unten am Kühlschrank, qualmenden Kaffe in der einen Hand, dampfende Zigarette in der anderen. Brauner Bademantel. "Wieso schlafen sie mit der Sekretärin ihres Kanzlers? Sie ekeln mich an, sie Schwein," blaffte ich ihn an. Mit gleichgültigen Äuglein schaute er an mir vorbei zu Guillaume, der versonnen in irgendwelchen Dokumenten blätterte. Möller erinnerte mich ein wenig an Kinski. Nur die ausdrucklosen Augen verpönten diesen Vergleich. Möller: "Willy ist nicht mehr Kanzler, Sie Narr. Und nun gehen sie mir schon aus den Augen."

Vor der Hütte stand Brandt und blickte durch einen Feldstecher in die Wolken. Als ich neben ihn trat, nahm er das Glas von den Augen und umarmte mich herzlich. "Einen wunderschönen guten Morgen, mein Bester," grüsste er. Vor uns der Berg und über uns kreiste ein roter Milan. Nachmittags blies ein Junker das Horn zur Jagd. Wir ritten in den Waldnebel und Brandt schoss einen Rotfuchs und einen Feldhasen, Möller einen Schwarzspecht und einen Igel und Guillaume einen norwegischen Wolf und eine Wildente. Abends soffen wir und sangen die alten Lieder: " Birkengrün und Saatengrün: Wie mit bittender Gebärde hält die alte Mutter Erde, dass der Mensch ihr eigen werde, ihm die vollen Hände hin, ihm die vollen Hände hin!"

Eine Woche verging, ich war nur noch betrunken und stand selten auf. Die Leere und Kälte der Umgebung und der Menschen verabscheute ich (bis auf Brandt und Sauermagen: Mit Félize hatte ich inzwischen geschlafen: sie biss mir in ein Ohrläppchen bis es blutete), und Guillaume war über Nacht verschwunden.

Die Stille pochte mir im Ohr. Zeit abzureisen. Brandt und Möller blieben. Wir verabredeten uns auf nächstes Jahr, geplant war eine Reise nach Patagonien.  In der Bundesrepublik Deutschland hatte es geregnet. Fette Politiker auf durchtränkten Plakaten. Weltmeister am trüben Horizont. Schäbige Tauben auf feuchtem Pflasterstein. Zuhause, Heimat usw.


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40 / 2007
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