Kein Urlaub
Mit Willy Brandt in Norwegen
TEIL 2
Ich träumte von Johannes Rau, der die aufgebahrte Leiche Brandts aus einer Kapelle in Cornwall schaffte um sie anschließend über die Klippen in den Atlantik zu werfen. Wieder und wieder vervielfältigte sich das Bild vor mir in Variationen, wurde größer und wieder kleiner, verwandelte sich in ein Scherenschnit-Theaterstück. Aus Rau wurde Wilhelm Busch und aus Brandt Jesus Christus.
"VERRAT, VERRAT," wollte ich schreien, wachte aber auf und sah den Kanzler am Bettrand stehen, eine Kerze in der Hand.
Am nächsten morgen lehnte Möller unten am Kühlschrank, qualmenden Kaffe in der einen Hand, dampfende Zigarette in der anderen. Brauner Bademantel. "Wieso schlafen sie mit der Sekretärin ihres Kanzlers? Sie ekeln mich an, sie Schwein," blaffte ich ihn an. Mit gleichgültigen Äuglein schaute er an mir vorbei zu Guillaume, der versonnen in irgendwelchen Dokumenten blätterte. Möller erinnerte mich ein wenig an Kinski. Nur die ausdrucklosen Augen verpönten diesen Vergleich. Möller: "Willy ist nicht mehr Kanzler, Sie Narr. Und nun gehen sie mir schon aus den Augen."
Vor der Hütte stand Brandt und blickte durch einen Feldstecher in die Wolken. Als ich neben ihn trat, nahm er das Glas von den Augen und umarmte mich herzlich. "Einen wunderschönen guten Morgen, mein Bester," grüsste er. Vor uns der Berg und über uns kreiste ein roter Milan. Nachmittags blies ein Junker das Horn zur Jagd. Wir ritten in den Waldnebel und Brandt schoss einen Rotfuchs und einen Feldhasen, Möller einen Schwarzspecht und einen Igel und Guillaume einen norwegischen Wolf und eine Wildente. Abends soffen wir und sangen die alten Lieder: " Birkengrün und Saatengrün: Wie mit bittender Gebärde hält die alte Mutter Erde, dass der Mensch ihr eigen werde, ihm die vollen Hände hin, ihm die vollen Hände hin!"
Eine Woche verging, ich war nur noch betrunken und stand selten auf. Die Leere und Kälte der Umgebung und der Menschen verabscheute ich (bis auf Brandt und Sauermagen: Mit Félize hatte ich inzwischen geschlafen: sie biss mir in ein Ohrläppchen bis es blutete), und Guillaume war über Nacht verschwunden.
Die Stille pochte mir im Ohr. Zeit abzureisen. Brandt und Möller blieben. Wir verabredeten uns auf nächstes Jahr, geplant war eine Reise nach Patagonien. In der Bundesrepublik Deutschland hatte es geregnet. Fette Politiker auf durchtränkten Plakaten. Weltmeister am trüben Horizont. Schäbige Tauben auf feuchtem Pflasterstein. Zuhause, Heimat usw.
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