WAHLKAMPF

Frankreich hat Angst

Kampagnen gegen Nicolas Sarkozy gibt es viele – der Mann wird wirklich gehasst. Warum eigentlich?

Ein Interview von Elise Graton

Sie laufen morgens um sieben mit Trillerpfeifen, Kochtöpfen und Musikinstrumenten durch die Straßen von Paris: "Tic tac tic tac, es ist viertel vor Sarko" rufen die Aktivisten von La France qui se lève tôt ("Das Frankreich, das früh aufsteht"). So wollen sie die Wahl des rechtskonservativen Kandidaten zum neuen Präsidenten noch verhindern. Der Name der Kampagne bezieht sich auf einen Ausspruch Sarkozys, der einmal gesagt hat, er wäre der Kandidat für denjenigen Teil Frankreichs, der morgens früh aufsteht und hart arbeitet. Zuender hat mit Manuel Domergues, einem der Initiatoren der Aktion, gesprochen.

Wer seid ihr?

Wir sind eine kleine Gruppe von Erwerbstätigen, Studenten und Arbeitslosen, die zwischen 20 und 30 Jahren alt sind. Die Meisten von uns sind auch anderswo politisch aktiv.

Ihr demonstriert jeden Morgen um sieben Uhr. Eine untypische Uhrzeit.

Nicolas Sarkozy ist eben ein untypischer Kandidat.

Inwiefern?

Seine Ansichten sind ultraliberal und ultrakonservativ. In seiner Kampagne, die sich an eine vermeintlich fleißige und hart arbeitende Zielgruppe richtet, hat er sich auch Arbeiterfiguren wie Jean Jaurès zueigen gemacht. Sein Programm widerspricht dem, was sie verkörpern. Mit solchen falschen Analogien betrügt er die Wähler. Sein wahres Vorhaben: Die Reichen reicher machen, zum Beispiel mit der Abschaffung der Erbschaftssteuer. Unsere Aktion soll den Beschiss entlarven: Wir wollen diejenigen Leute symbolisch aufwecken, die ohnehin schon früh aufstehen, um zur Arbeit zu gehen oder eine Stelle zu suchen, bevor es zu spät wird. Sarkozy als Präsident bedeutet ein noch schmerzhafteres Erwachen für uns alle.

Was erzählt ihr den Leuten, die ihr geweckt habt?

Die meisten sind ja sowieso schon wach. Denen sagen wir, dass wir alle noch früher aufstehen müssen. Sarkozys Wahlkampfslogan lautet: "Mehr arbeiten, um mehr zu verdienen." Für uns bedeutet das : "Mehr arbeiten, um mehr zu arbeiten". Er will durchsetzen, dass die Franzosen in Zukunft freiwillig länger als 35 Stunden arbeiten dürfen, die Steuern auf Überstunden sollen fallen. Das nützt aber vor allem den Arbeitgebern, da sie ihren Angestellten lieber Überstunden aufdrängen werden, anstatt neue Leute einzustellen. Dabei macht die Arbeit viele Menschen in Frankreich krank. Sie leiden unter strikten Hierarchien, Stress, Muskel- und Knochenkrankheiten, Depressionen.

Sind die Pläne von Ségolène Royal besser?

Sarkozys Pläne sind schlimmer.

Dennoch hat er im ersten Wahlgang mehr als 30 Prozent der Stimmen bekommen. Das sind knapp elf Millionen Franzosen, die ihn anscheinend doch gut finden. So viele Stimmen bringt die reiche Elite allein nicht ein.

Sarkozy hat eine typische Erster Wahlgang-Kampagne geführt, auch indem er sich die Themen des Rechtsradikalen Le Pen angeeignet hat. Er surft auf der Welle des Rechtsdruckes, der das Land seit dem 11. September 2001 erfasst hat. Das heutige Frankreich ist nicht offen und tolerant. Es hat Angst. Sarkozy geht auf diese Bedürfnisse seiner Wähler ein, indem er für sie Sündenböcke benennt, anstatt die echten Probleme anzusprechen.

Wer sind die Sündenböcke?

Die Jugend, die Immigranten, die Muslime, die Studenten der humanistischen Fächer. Er sagt er weigere sich, Studiengänge zu subventionieren, die nichts nutzen. Wer Literatur oder Soziologie studieren wolle, solle selbst dafür bezahlen.

Sarkozy mit Le Pen zu vergleichen ist gewagt.

Er sagt (wie Le Pen), dass unkontrollierte Immigration in den letzten 20 bis 30 Jahren die Ursache für das Chaos in den Banlieues sei. Obwohl das Gegenteil stimmt: Die französische Immigrationspolitik ist immer strenger geworden. Seine Ansichten sind zutiefst rassistisch. Er sagt auch, dass die Immigration die nationale Identität gefährde. Im Februar hat er eine Rede in Toulon gehalten, in der er die Kreuzzüge und die Kolonialzeit verherrlichte – seiner Auffassung nach sind diese Dinge im Namen der Zivilisation geschehen. Wie sollen sich Franzosen mit Migrationshintergrund fühlen, wenn sie so etwas hören? Die Linken meinen, Sarkozy wolle die Leute gegeneinander aufhetzen.

In den Umfragen steht er trotzdem an erster Stelle.

Er hat sogar beste Chancen, zu gewinnen. Wir erleben hier gerade eine gravierende kulturelle Spaltung. Der Mai 1968 und die Emanzipation des Individuums sind von einem Teil der Bevölkerung positiv aufgenommen worden und dort stark verankert.

Viele denken aber auch, dass es heutzutage überhaupt keine Werte mehr gibt, dass die Arbeit nicht respektiert wird, dass die 35-Stunden-Woche ein Zeichen der Faulheit sei. Auch Sarkozy glaubt, dass Autorität als solche in den vergangenen Jahrzehnten untergraben wurde. Im Grunde hält er es mit Petain.

Die Umfragen zeigen, dass Ségolène Royal in allen Altersgruppen vorn liegt – zwar minimal, aber vorn. Nur in der Generation 65 plus ist Sarkozy unangefochten. Das sind nicht eben die berufstätigen Franzosen und auch nicht diejenigen, die ‘68 unbedingt als Befreiung erlebt haben. Sie denken eher "früher war alles besser". Sarkozy ist für viele Franzosen ein unverhofftes Geschenk.

Eure Aktion bezieht sich auf das Thema Arbeit. Warum nicht auf Sarkozys Pläne zur Immigrations- und Sicherheitspolitik?

Wir haben unsere Aktion auf die sozialen Probleme ausgerichtet, um der großen Mehrheit der Franzosen zu zeigen, dass sie mit Sarkozy viel zu verlieren haben. Sarkozys Rassismus wäre für die Leute kein Grund, ihn nicht zu wählen.

Was wenn er gewinnt?

Wir werden sehr enttäuscht sein und abwarten. Es gibt noch keinen Plan. Zunächst wird die Opposition wie gelähmt sein. Es könnte aber auch sofort zu Reaktionen kommen – ich denke besonders an die Banlieues, die wirklich einen Hals auf Sarkozy haben. Man rechnet schon ab Sonntag Abend mit Auseinandersetzungen, für den Fall dass Sarkozy gewinnt.

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19 / 2007
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