Interview

"Eine ganz professionelle Geschichte"

Erfolgreiche Radiostationen spielen Musik, die niemand nicht hören will. Das wird gewollt, glauben "Radio Hamburg"-Musikchefin Tanja Ötvös und Pressesprecherin Martina Müller

Fragen von Chris Köver und Oskar Piegsa

Frau Ötvös, Sie sind bei "Radio Hamburg" für die Musikauswahl zuständig. Woher wissen Sie, welche Musik Ihre Zielgruppe hören will?

Tanja Ötvös: Wir machen dafür mehrere Umfragen im Jahr, mit mehreren tausend Titeln. Ein Marktforschungsinstitut spielt bestimmten Menschen Musik vor und ich werte das aus. Es wird sehr fein selektiert, um den Massenmusikgeschmack zu spielen. Das machen wir mit ein paar Liedern aus den 80ern, hauptsächlich aber mit den 90ern und den so genannten Recurrents. Recurrents sind Hits, die keine mehr sind – Lieder, die vor einem halben Jahr ständig im Radio liefen, die aber nach einem gewissen Burn rausgenommen wurden, und bei denen wir jetzt gucken, ob sie vielleicht doch eine längere Haltbarkeit haben. Zusätzlich zu diesen großen Tests machen wir regelmäßige Tests mit aktuellen Titeln, allerdings nicht mit tausend, sondern mit vielleicht dreißig Liedern.

Wie häufig finden diese Tests statt?

Tanja Ötvös: Der große zwei bis drei Mal im Jahr, die kleineren alle zwei Wochen, um ganz schnell mit zu bekommen, wann ein Titel einen Burn hat und die Leute anfangen, ihn nicht mehr hören zu wollen.

Wie kommt es zu der Vorauswahl der Musik?

Tanja Ötvös: Die neuen Titel suche ich selbst aus, an Hand meiner Erfahrungswerte. Ich mache den Job schon ein bisschen länger, da weiß man grob, was in Frage kommt. Zum Beispiel muss ich nicht anfangen Schlager zu testen, oder "Summer of 69" , ein uraltes 80er-Stück, testet als eines der wenigen 80er immer noch supergut, das ist so ein Phänomen. Andere Sachen laufen manchmal schlecht und kommen dann wieder hoch.

Das heißt, dass Sie mit ihrem eigenen Geschmack und ihrer Fähigkeit, die Qualität der Musik abschätzen?

Tanja Ötvös: Überhaupt nicht. Mein Musikgeschmack ist nicht relevant. Was ich hier mache, ist eine ganz professionelle Geschichte. Ich höre mir alle Aufnahmen an, die neu reinkommen – da bin ich relativ hart im Nehmen – und dann wählen wir aus.

Auf Ihrer Website steht, sie spielen "Hot A.C." -Musik. W as ist das überhaupt?

Tanja Ötvös: "A.C." bedeutet "Adult Contemporary", also "zeitgemäßes Erwachsenenprogramm". Das "Hot" steht für einen höheren Anteil von Hits und eine gewisse Art der Präsentation. Also etwas treibendere Musik unter den Moderationen, die Opener und die Art, wie die Moderatoren reden.

Woher kommt dieses Genre?

Tanja Ötvös: Ich glaube, das hat sich irgendwann mal ein Amerikaner überlegt. Es gibt nicht die Liste, auf der steht: "Ein Hot AC Format spielt so und so viele rhythmische oder Black Music Titel in Ergänzung zum normalen AC Programm." Es ist einfach insgesamt mehr auf jüngere Erwachsene ausgerichtet.

Ist "A.C." also im Grunde alles, was dem Publikum gefällt?

Tanja Ötvös: Genau.

Wieso nennt sich dieses Genre "Zeitgenössische Musik für Erwachsene"? Drängt das jede Form von Musik, die nicht in diese Kategorie fällt, in die Jugendkulturnische ab?

Tanja Ötvös: Adult bezieht sich ja nicht darauf, dass der Hörer schon 30 sein muss – auch ein 16-Jähriger kann erwachsen sein.

Martina Müller: Dieser Begriff ist auch schon uralt. Uns gibt es seit 20 Jahren, Privatradio in
Amerika gibt es noch viellänger. Die werberelevante Zielgruppe sind 19 bis 49-Jährige, deshalb sagt man wohl: Die Über-19-Jährigen sind erwachsen. Jüngere dürfen uns selbstverständlich auch gerne hören, aber wir machen kein Programm, dass speziell auf die 14 bis 19-Jährigen ausgerichtet ist.

Tanja Ötvös: Bei 14 bis 19 denke ich immer ein bisschen an BRAVO . Das ist zumindest das Alter, in dem ich noch die BRAVO gelesen habe. Die Sachen, die da gefeaturet werden, findet man zum Teil gar nicht im Radio: Die Killerpilze , Tokio Hotel , US5 ...

Martina Müller: Interessant ist auch, dass das, was im Radio läuft, nicht unbedingt dasselbe ist, was in den Charts verkauft wird. Zum Beispiel Pur : Das ist Erwachsenmusik, eine große deutsche Band, die die Hallen füllt und richtig gut CDs absetzt. Die werden aber nur selten im Radio gespielt, bei uns gar nicht.

Tanja Ötvös: Und das liegt ganz einfach daran, dass sie polarisieren. Ich weiß nicht wie sie zu Pur stehen, aber ich muss brechen, wenn ich die höre. Wenn man die im Radio spielt, ist die Massenkompatibilität nicht gegeben.

Kann man sagen, dass sie leidenschaftslose Musik spielen?

Tanja Ötvös: Das ist gar keine so schlechte Bemerkung. "A.C." ist Musik, die die Leute im Büro und beim Autofahren gern hören, aber es ist selten so, dass jemand aufspringt und schreit: "Die Sugarbabes sind die beste Band der Welt!"

Martina Müller: Radio ist ein Nebenbei-Medium. Böse ausgedrückt ist "Radio Hamburg" in vielen Büros der kleinste gemeinsame Nenner. Aber: Wir treffen den Massengeschmack, das belegen unsere Zahlen.

Stichwort "professionelle Dienstleistung": Frau Ötvös, sie verspüren offensichtlich eine Leidenschaft für Musik. Ist es nicht ernüchternd, dass sie diese in ihrem Beruf nicht ausleben können?

Tanja Ötvös: Das ist überhaupt nicht so. Ich liebe es, mir immer neue Musik anzuhören, auch daraufhin, ob sie zu unserem Sender passt. Und es macht irre viel Spaß, ein Musikprogramm zusammen zu stellen. Es ist natürlich auch anstrengend, denn wir haben keine 3000 Titel in der Rotation. Aber immer wieder zu versuchen, diese Titel neu zu mischen, das macht schon Spaß.

Wieso wurde die Rotation immer weiter verkürzt, wenn es eigentlich darum geht, mit einzelnen Titeln nicht aufzufallen?

Tanja Ötvös: Genau deshalb. Die Anzahl der Titel, auf die sich die Menschen einigen können,wird immer kleiner. Wenn es nach mir ginge, würde ich 10.000 Titel spielen. Aber wir können nur das nehmen, was wir spielen können, ohne das jemand ausschaltet.

Das heißt, die Musikgeschmäcker der Leute entwickeln sich immer weiter auseinander?

Tanja Ötvös: Genau. Es gibt eine große Diskrepanz zwischen den drei großen Trends: Rocktitel, Deutschpop und rhythmische Musik. Leute, die Rock mögen, fragen sich bei den Black Eyed Peas schon "Was soll ich mit dem Discoscheiß?" Und genauso umgekehrt. Daraus, diese Gruppen trotzdem zusammen zu halten, ergibt sich die geringere Rotation.

Was heißt das für die Zukunft der Radios?

Martina Müller: Unserer Ansicht nach liegt die Zukunft darin, im Zuge der Digitalisierung unter einer Dachmarke verschiedene Sparten auszubilden. In 10 bis 20 Jahren gibt es dann vielleicht "Radio Hamburg Classic", "Radio Hamburg Oldie", "Radio Hamburg Dance", usw. Es zeigt sich auch ganz klar: Podcasting ist was für Freaks. Die gehen uns als Hörer nicht verloren: Beim Podcast kriegen sie kein aktuelles Wetter, keinen aktuellen Verkehr, keine aktuelle Moderation. Irgendwann sind sie das leid. Das klassische Radio wird deshalb durch Podcasting nicht abgelöst werden.

Ihre These ist also, dass das "A.C."-Format ausstirbt und man in einigen Jahren unterschiedliche Musik bekommt, je nach Geschmack.

Müller: Die Tendenz ist da. Und in Amerika gibt es das schon

33 / 2006
ZEIT online