Interview

Wenn Campino ins Kloster geht…

… ist das nicht gleich Politik. Kante-Sänger Peter Thiessen erzählt, was Ölschinken, Depression und Destruktion mit dem neuen Album zu tun haben

Fragen von Björn Bauermeister

Es gab direkt nach eurem letzten Album "Zombi" Gerüchte, dass sich Kante aufgrund der eineinhalb Jahre andauernden Mammutproduktion auflösen würden. Was überwiegt bei dir derzeit: die Freude darüber, dass ihr eine neue Platte fertig bekommen habt oder dass es Kante überhaupt noch gibt?

Beides. Wir haben mit vielen Dingen abgeschlossen und viele Dinge neu entdeckt. "Zombi" war eine sehr durchkonzipierte Platte. Wir waren perfektionistisch und wollten in der Vergangenheit immer einen Meilenstein ablegen. Solch ein Denken kann aber manchmal ungemein im Weg stehen. Nun haben wir einen viel geringeren Aufwand bei der Produktion betrieben und haben uns von dem Anspruch verabschiedet, die beste Platte der Welt machen zu wollen. Ja, und so wurde alles irgendwie freier und leichter. Wir haben alles wieder mehr mit Leben und Energie füllen wollen. Ich finde, dass man das hört, denn alles ist unmittelbarer und direkter geworden. "Zombi" war wie ein Deckengemälde, das unglaublich viel Zeit, Mühe und Fertigkeiten verlangte. Aber Musik hat auch andere Qualitäten, gerade dann, wenn man nicht so sehr über alles nachdenkt, sondern einfach mal macht. So wie ein Maler, der sonst dicke Ölschinken fabriziert, und irgendwann merkt, dass seine Skizzen eigentlich auch ganz geil sind.

Die Devise lautete also: Weg von den Konstrukten und hin zu den Momenten!

Ja, wir wollten das Magische von dem, was da gerade im Studio gemacht wird, festhalten. In den USA gibt es da eine viel größere Tradition. Du hörst etwas und weißt sofort, dass das von John Coltrane ist. Man erkennt das an dem charismatischen Ausdruck in der Musik. In Europa scheint es mir eher eine Tradition zu geben, die darauf ein Auge hat, ob etwas gut arrangiert oder umgesetzt ist. Dies verstellt meiner Ansicht nach oftmals den Blick auf das, was Musik ausmacht.

Ihr seid generell auch kopfloser - im positiven Sinne - geworden, nicht wahr?

Ja, es kommt uns nicht mehr darauf an, dass alles perfekt gespielt ist. Wir überlegen auch nicht dreißig Mal, ob es jetzt gut ist, etwas so oder anders zu machen. Wir haben bei dieser Platte einfach mal auf uns vertraut, und auf das, was wir können. Denn es kommt auf all die anderen Dinge letztendlich ja gar nicht an.

Das passt zu deinem Malervergleich, auf den ich nochmal zurückkommen möchte: Hättet ihr ohne diesen Ölschinken "Zombi" den Mut zu der Skizze "Die Tiere sind unruhig" gehabt?

Vielleicht waren für uns all diese Erfahrungen notwendig, um eine Platte wie "Die Tiere sind unruhig" machen zu können. Ich finde "Zombi" aber nach wie vor wahnsinnig und toll. Nur hat diese Produktion allen, die daran beteiligt waren, so irre viel abverlangt, dass ich mich irgendwann gefragt habe, ob das alles noch in einem guten Verhältnis zueinander steht. Ich habe keinen Bock darauf ein Typ zu werden, in dessen Leben es sich nur um Musik und um ein Meisterwerk nach dem anderen dreht. Das Leben verarmt dann immens, denn wovon könnte ich dann noch berichten?

Zum Beispiel von all den Geschichten, die man als Rockstar tagtäglich erlebt. Oder von politischen Um- oder Missständen. Wie wäre es damit?

Ich schreibe über das, was ich erlebt habe, aber das sind andere Sachen. Auf dieser Platte ist, textlich gesehen, alles aus meinen Erlebnissen der letzten zwei Jahre geschöpft. Dabei habe ich darauf geachtet, nicht noch einmal so einen riesigen Überbau zu kreieren. Sicher, die künstlerische Form ist eine wichtige Sache, aber damit wären wir wieder beim Ölschinken…

Was das Politische angeht, kann ich nur sagen, dass eine Platte meiner Meinung nach nicht das richtige Medium dafür ist. Ich habe lange Zeit in einem autonomen Kontext gelebt, freies Radio gemacht und so weiter. Es wäre mir total unangenehm, diesen Menschen gegenüber zu treten und zu sagen "Hey, schaut mal, das ist meine neue, total politische Platte". Darüber hinaus denke ich, dass das alles eher ein Fetisch ist. Jede Band macht irgendwann mal ihre politische Platte. Und das ist dann auch so, wenn Campino mal ein halbes Jahr im Kloster war, wenn Hape Kerkeling eine spirituelle Wanderschaft macht oder jemand einen Alkoholentzug durchzieht. Das sind pseudo-spirituelle Erlebnisse, mehr nicht.

Liest man in diesen Popmagazinen von einer politischen Platte, wird gar nicht mehr gefragt, ob das eine linke oder rechte Platte ist. Was da genau vertreten wird, wird gar nicht mehr gefragt. Ich finde das langweilig und nervig. Das ist ein Fetisch, der die Popwelt nicht verlässt und einfach nur den Hintergrund hat, sich interessant zu machen. Ich denke, dass man sehr präzise sein muss, um derartiges fassen zu können. Und in den Popmagazinen ist für so etwas eben kein Platz.

Was sind dann die Erlebnisse, die für Deine Texte auf dieser Platte wichtig waren?

Bei "Zombi" ging es sehr viel um die Frage von Leben und Tod und wie sich diese beiden vielleicht auch vermischen können. Der Text zu dem neuen Song "Die Wahrheit" zum Beispiel ist ein Text über Depression. Eigentlich ist ein Song über Depression und harte Zweifel das Uncoolste was man machen kann. Aber ich halte das für sehr wichtig. Da sitzt Du zu Hause, zwischen all den Platten, Büchern und Filmen und fühlst dich trotzdem absolut fremd.

Wenn man solche Gefühlszustände und Erfahrungen erlebt hat, muss man sie öffentlich machen, auch wenn das uncool ist. Dunkelheit gehört zum Leben dazu, denn die Umstände, in denen man gezwungen ist zu leben, bringen diese mit sich. Es ist absolut normal, dass man sich in solchen dunklen Zuständen der Verzweiflung wieder findet. Ich denke, dass das Erleben dieser Zustände nicht allein in den privaten Bereich gehört.

Eure Platte wirkt - sowohl musikalisch als auch textlich - wie ein permanentes Sich-Bewegen zwischen Euphorie und Unglück.

Zum Teil ja, zum Teil nein. Destruktion ist eine faszinierende Sache, wie ich finde. Bei Walter Benjamin gibt es dazu ganz viel zu finden. Mir geht es nicht darum, Partei für das Eine oder für das Andere zu ergreifen. Ich will den Moment beschreiben, in dem etwas kaputt geht. Da geht etwas kaputt und das kann sehr hart sein. Aber vielleicht ist das, was danach kommt, besser als das, was zuvor kaputt gegangen ist.

30 / 2006
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