Sieben Tage

Frischgezapftes für Deutschland

Deutschland säuft wie ein Loch. Berufs-, schicht-, und statusübergreifend: Alle besoffen. Das bringt die Weltmeisterwoche. Eine nüchternde Betrachtung von Mathias Richel

Der Montag ist ein großartiger Tag , um sich auf den diensttäglichen Einzug der Klinsmannbuben ins Finale vorzubereiten. Bei Frischgezapftem und Klopsen vielleicht. Das geht auf dem Thüringer Sommerfest in der Berliner Landesvertretung. Unsere Bundesangie holt sich aber die Kapernfleischbällchen lieber gleich vor Ort ab. Zusammen mit Frankreichs Chirac und Polens Kaczynski. Die drei verkosten ganz entspannt in Weimar. Mhm lecker, Fleischklopse!

Dienstag ist gebucht . Der Tag ist verplant. Deutschland schlägt Italien. Ganz klar. Keine Zweifel. Der Zuender bietet hier allen angereisten italienischen Fans einen Fahrplanservice, direkt von Dortmund nach Rom: Los geht es Dienstagnacht direkt vom Dortmunder Hauptbahnhof auf Gleis 16. Um 00:38 Uhr starten die Tifosi erstmal Richtung Mannheim. Danach sehen sie nach einer Weile Karlsruhe an sich vorbeirauschen und verlassen auch gleich das Bundesgebiet. Basel, Brig und Mailand noch auf der Strecke, um dann endlich 17:30 Uhr in Rom und unter Tränen einzufahren. Das Ganze für ungefähr 230,- Euro. Gute Reise, ihr wart tolle Fans! Aber wir werden Weltmeister.

Mittwoch bedeutet auskatern . Aber Hallo. Nur nicht in der Politik. Die wollen alle ganz schnell mit rauf, auf den Siegeszug Deutschland. Denn wir sind ja wieder wer. Also beschließt auch gleich das bayerische Kabinett den Gesamtsieg. Per Dekret. Stoiber dazu: "Das ist ja, ähh, klar, dass wir, die, ähh, Franzmänner zurück an den, ähh, Jordan schicken."

Die Klausurtagung der Bundestagsfraktion der Linkspartei endet dagegen im Eklat, als Gregor Gysi und Oskar Lafontaine es sich nicht nehmen lassen wollen, den Autokorso des Bundestages anzuführen. Die Kommunistische Plattform kündigt ihren Protest gegen die organisierte Jubelarie an. Sarah Wagenknecht dazu: "Gewunken wird nur am 1. Mai!"

Am Donnerstag lässt der Horst es krachen . Horst, der Köhler, der Bundespräsident. Mit Hüpfburg und wieder Frischgezapftem. Gerockt wird auf seinem jährlichen Sommerfest, auf dem sich alle Bürger und Bürgerinnen treffen, die sich um das Gemeinwohl des Volkes im letzten Jahr verdient gemacht haben. Sicher nicht überraschend: Unter ihnen zahlreiche Brauer, Wirte, Kellner, Hopfenbauern, Mälzer, Brunnenbauer, Thekenschrauber, Gastroausstatter und Glasbläser.

Am Freitag ist Bundestagssitzung – die letzte vor der Sommerpause. Kaum einer an Bord. Traut sich aber auch keiner, wie früher, nach Malle zu fliegen. Sonntag wird Deutschland ja Weltmeister. Bei vollständiger Anwesenheit der Linkspartei-Fraktion und jeweils drei Abgeordneten der anderen Parteien beschließt der deutsche Bundestag bei zwölf Gegenstimmen einen wegweisenden Antrag der Linkspartei. In diesem wird festgestellt, dass: " ... Deutschland an sich total besoffen und nicht mehr geschäftsfähig ist. Daher übernehme eine durch die Linkspartei einzusetzende Räteregierung die anstehenden Aufgaben. Der Weltmeistertitel wird aus Respekt für die Leistung an Argentinien verschenkt."

Am Samstag ist die gesellschaftliche Ordnung schon wieder hergestellt , da es keine Sitzungsprotokolle der Abstimmung gab. Im Steno-Automaten fehlte das Tonerband. Mangelwirtschaft im Kommunismus. Es hat einfach keinen Sinn. Das sehen auch Gysi und Lafo jetzt ein und gehen erstmal mit Westerwelle einen heben. Die anderen haben keine Zeit. Sind nämlich alle auf dem niedersächsischen Landesparteitag der CDU, auf dem Christian Wulff sich über die Zukunft von Familie im Allgemeinen und die Schutzbedürftigkeit der Ehe im Besonderen auslässt. Aber vor allem gibt es eines: Frischgezapftes!

Sonntag : DEUTSCHLAND WIRD WELTMEISTER. JAAAAAAAAAAAAAAA!!!!!!

Was alles hätte werden können: Das Sieben Tage-Archiv

27 / 2006
ZEIT online