Abendbeschäftigung

Spaß mit Powerpoint

Schon mal was von Powerpoint-Karaoke gehört? Jawohl, die wackelige Bühne im Hinterhof-Szeneclub gibt es immer noch und jeder, der oben steht, macht sich zum Honk. Aber statt betrunkener Junggesellen geben nun Schickimickies aus der Medienbranche ihre Rhetorik und Schlagfertigkeit zum Besten. Am Ende soll Humor rauskommen

Von Anja Humburg

Man kennt sie, die .ppt-Formate. Professoren jonglieren vor ihren Studenten mit zwanzig, vierzig oder gar hundert Powerpoint-Folien voll hochtrabender Formeln. Es scheint, als könnte mit ein paar Pfeilen und blinkenden Animationen der komplizierteste Stoff auf Niveau Null und für jeden verständlich heruntergeschraubt werden. Dank Beamer entstehen wilde Kontexte auf der weißen Wand. Da ist es nicht weiter tragisch, wenn der Referent keine Ahnung von dem hat, was er erzählt. Bloß das Publikum langweilt sich nach Minuten. Der Eindruck von Oberflächlichkeit drängt sich auf. Dabei kann das Programm so praktisch sein. Spaß mit Powerpoint ist gefragt. Genau die Idee steckt hinter Powerpoint-Karaoke. Ausgedacht haben sie sich die klugen Köpfe der Zentralen Intelligenz Agentur (ZIA), einem eigensinnigen Zusammenschluss Berliner Journalisten, Künstler und Grafiker. Im Januar feierte das Format Weltpremiere im Prenzlauer Berg. Das Publikum war begeistert, darum folgten Shows in Bremen und kürzlich in Hamburg.

Hamburg, Schanze, 13. Stock. Man befindet sich im peinlichsten Fall auf der Bühne, davor hundert lachbedürftige Medienmenschen, links die knallharte ZIA-Jury. Durch das grellweiße Licht des Beamers schimmert der Schriftzug: „Sag JA! Zu Dorsten – Der Verein in Gründung“. Mikro an, los geht’s. Im Kopf rattern die Gedanken: Wer oder was ist Dorsten? Wie mache ich nicht mich sondern den Abend lustig? Das alles in fünf Minuten, manchmal gibt die Jury eine Verlängerung, genauso oft bricht sie müde Präsentationsversuche ab oder wirft bohrende Fragen ein. „Powerpoint-Karaoke heißt intuitives Denken und Handeln unter extremer Überforderung“, sagt Moderator Holm Friebe. Zum Glück gilt den ganzen Abend über: Wer präsentiert, darf Wodka trinken und zwar frei. Zum Schluss kommentiert die Jury. „Was ist los in Dorsten?“, fragt Sascha Lobo enttäuscht, „Ich dachte da kommt ein Killer und dann so was.“ Auch das Publikum sitzt träge rum, will zugucken, dabei hängt doch alles von ihrem Einsatz ab. Holm Friebe: „Es ist wie immer, die einen sind kreativ, die anderen kompetent.“ Dann springt die Stimmung, der Knüller des Abends: Johannes mit dem Thema „Verkauf von Damenschuhen in Übergröße über eBay “. Die ZIA kommentiert und warnt zugleich: „New economy auf Abwegen. Vorsicht vor dem völlig überflüssigen Semiometrie-Teil“. Aber der Referent meistert die Text-Bild-Schere. Am Ende fragt ihn Sascha Lobo: „Hast du Pumps in 47 da?“.

Die Themen sind tatsächlich genauso langweilig wie wir sie gewohnt sind: „Neue Vorgehensweise und Zielsetzung einer Organisationsberatung im Gebäudemanagement“, „Muffton im Wein: Zapfen-, Keller- oder Verschlussproblem?“ oder die Klassiker „Ökosystem Pansen“ und „Chinakontakte der IHK Bochum“. Sie alle fischte die ZIA aus dem Internet. Das bedeutet leider, dass sich die Präsentationen oftmals durch extreme Textlastigkeit und totale Aussagelosigkeit auszeichnen. Ohne spontane Weltideen gerät man ins Stottern. Ratlosigkeit, die zum bloßen Ablesen der Folieninhalte führt, schmettert die Jury sofort danieder. Nach sieben oder acht Vorträgen schwindet meist die Aufmerksamkeit der Zuschauer, denn Powerpoint bleibt auch auf der humorvollen Schiene enorm anstrengend. Um halb eins ist Schluss. Auf dem Weg nach Hause kommen sie dann langsam. Die kreativen Einfälle zum Thema „Ökosystem Pansen“.

20 / 2006
ZEIT ONLINE