Festival
Der Gehweg wird zur Bühne
Riesen in Ratssälen, wandelnde Sonnenblumen in der Fußgängerzone - Rastatt hat sich für Woche vom Rentnerparadies in eine Bühne verwandelt. Dazu brauchte es nur ein Straßentheaterfestival
Von Hannah Wadle
Da kannst du dich auf den Kopf stellen und mit den Füßen wackeln! Was soviel bedeutet wie, du kannst das Unmögliche tun, und es wird die Situation nicht verändern. Dieser Spruch ist von Grund auf falsch. Denn wenn Menschen sich auf den Kopf stellen, mit den Füßen, wackeln, Grimassen schneiden, bunte Gesichter haben, zaubern, übers Seil tanzen, sich verwandeln, singen, dann hat das immer eine Wirkung. Wer dabei ist hält die Luft an, prustet vor Lachen, wird nachdenklich, wendet sich verschämt ab, spielt mit, seufzt vor Erleichterung, verlangt mehr.
Genauso vom 23. bis zum 28. Mai beim internationalen
tête-à-tête
Straßentheaterfestival, dem größten Deutschlands. Schon komisch, dass es ausgerechnet in Rastatt, einer südwestdeutschen Kleinstadt am Rande des Elsass, stattfindet. Hier rühmt man sich normalerweise der barocken Schlösser und empfängt graumelierte Reisebus-Insassen.
Es gießt. Aufregung im Festival-Büro. Abwarten oder aufgeben und ins Innere ausweichen? Publikum und Schauspielern die Hoffung auf besseres Wetter nehmen? Regenschirm an Regenschirm statt Kopf an Kopf bilden sich neugierige Pulks um die Spielorte. Was solls- ist ja kein Festival für Straßenmalerei. Hier fließt höchstens die Schminke. Aus dem Rathaus treten drei riesige schrumplige Gestalten auf den Marktplatz. Schüchtern beschnuppern sie die furchtlosen Zuschauer. Die Stadt ist also besetzt, in den Ratssälen herrschen die Riesen Olga, Joséphine und Humphrey gemeinsam mit einem Elefanten und seinem Zirkusdirektor, mit Frau Huber und ihrem Huhn und mit all den anderen skurrilen Gestalten.
Eva und Karl-Martin vom Ensemble
PasParTout
sind ganz grün
im Gesicht. Aber es geht ihnen gut. "Ich bin der Elefantenpopo", sagt
Eva nicht ohne Stolz. Elefantenkopf Karl-Martin nimmt eine Gießkanne
und trötet voller Inbrunst. Solange ihr Dompteur Raimund nicht da ist,
können sie sich das erlauben. Ihr Auftritt steht und fällt mit der
Regenwahrscheinlichkeit. Vor dem Rathaus rutschen Florian, Kai und
Matthias ungeduldig auf der feuchten Holzbank hin und her. Die
angehenden Teenager sind noch etwas zurückhaltend. Ihre Spontan- Impro
auf dem verlockend leeren Spielbereich lässt auf sich warten. Anja und
Robin aus Ulm kuscheln sich aneinander und strahlen fünfzig Meter gegen
den Regen. Theater macht glücklich. Plötzlich ein Neon-Flash. Vier
textmarkergelbe Wesen mischen sich unter die Menschen, ertasten und
erschnüffeln Raum, Asphalt, Plastikstühle. Dazu Bongo-Rhythmus. Die
Schweizer Truppe
Da Motu
s scheint aus einem völlig anderen Universum zu kommen.
Die Grenze zwischen Schauspieler und Publikum verwischt immer mehr. Begeistert und von der Ironie der Situation gepackt beobachten die Zuschauer eine halbe Stunde lang, wie städtische Angestellte im immer wieder einsetzenden Regen ein Drahtseil für den nächsten Act trocken wischen. Gekonnte Verarbeitung von Sysiphus-Material. Cest la proximité, qui est fascinante. Die Nähe zum Publikum hat es Pascal, dem Leiter der Marseiller Truppe
Encore PluVieux
angetan. Die Straße als Bühne des Alltags und Ort der Bewegung wird auf die Spitze getrieben. Die Kunst gnadenlos der Demokratie der Beine ausgesetzt. Und sie hält Stand. Wenn bei 13°C und hundert Prozent Luftfeuchtigkeit Menschenmengen auf der Straße ausharren, dann ist eigentlich jede Kritik überflüssig. Gesehen und für gut befunden.