Graffiti

„Mein Herz ist Graffiti“

Das internationale "Rhythm of the Line"-Festival in Berlin verbindet Graffiti und HipHop mit Film. Frank Esher Lämmer, Graffiti-Veteran und Festival-Macher spricht im Zuender über die Gegensätze in der Szene und darüber, wie man als etablierter Künstler die Straßenkultur unterstützen kann

Von Stefanie Büther

Du bist selbst eine Sprüher-Legende und hast einen Spielfilm gedreht. Wieso passen Graffiti und Film so gut zusammen?

Eigentlich hat alles mit Filmen angefangen. Der Graffiti-Virus wurde Anfang der 80er von Filmen wie Style Wars, Beat Street und Wild Style in Europa ausgesetzt. Sonst wäre das vielleicht in New York geblieben und irgendwann wieder untergegangen. Aber durch das Medium Film wurde Graffiti von Anfang an transportiert. Deshalb zeigen wir diese alten Filme auch immer am ersten Tag im Programm, sozusagen als Einstieg.

Daneben gibt es bis heute immer eine sehr enge und wichtige Verbindung von Graffiti und Film. Graffiti ist ein visuelles Medium, das durch bewegte Bilder kommunizierbar gemacht wird. Die Aktion des Writings, die ja eher im Verborgenen stattfindet, wird durch den Film authentisch dokumentiert und erfahrbar. Deshalb gibt’s ja auch immer diese Unmengen von Assi-Dokus, wie die Leute sich beim Sprühen gegenseitig filmen.

Und daraus entstand die Idee, ein Graffiti-Filmfestival zu machen?

Letztes Jahr habe ich meinen Film Moebius 17 fertig gemacht. Ich hab’ ihn bei ein paar Festivals eingeschickt, aber er wurde nie genommen. Deshalb haben wir uns überlegt, wie wir für diesen Film einen Rahmen schaffen können. Die Idee war, den Graffiti- und Hip-Hop-Background und unsere Kontakte zu nutzen. Thomas Peiser vom Overkill Shop und ich kennen uns seit fast 20 Jahren vom Sprühen, und wir hatten schon länger die spinnerte Idee, in diesem Bereich etwas auf die Beine zu stellen. Damals kam dann eins zum anderen. Ich stand wegen meinem Film mit vielen andern Filmemachern in Kontakt und wusste, dass da viel am Schwelen ist und einige aktuelle Filme entstehen. Zu sagen, wir machen daraus ein Festival, war einfach nur logisch.

Wie wichtig ist HipHop, wo ihr doch beide Sprüher seid?

Thomas und ich kommen zwar aus dem Graffitibereich, aber HipHop spielt da immer eine Rolle. Deswegen kriegt Graffiti beim Festival zwar die Poleposition, aber wir haben schon beim ersten Mal gemerkt: Wenn man HipHop nicht mit rein nimmt, ist die Sache nicht rund. Da gibt es viel zu viele Connections. Status Yo! ist zum Beispiel so ein Fall, den können wir nicht als Graffiti-Film verkaufen, aber es gibt eine so enge Bindung, dass wir ihn auch nicht rauslassen können.

Wie steht’s mit Street-Art aus Sprühersicht? Graffiti und Street-Art wird ja gern mal gegeneinander in Stellung gebracht. Siehst du das eher als Opposition oder als Weiterentwicklung?

Eigentlich passt das schon zusammen. Als Street-Art aufkam und ich die ersten Sachen gesehen habe, war ich sehr begeistert. Irgendwann war es dann nicht mehr neu, und es kam auch ein bisschen zu viel. Mit Street-Art verbinde ich inzwischen oft irgendwelche zugezogenen Schwaben, die an einer Kunst-Uni studieren, ihre Freundin untern Fotokopierer legen und das dann an drei Straßenecken tapezieren. Würden sie wenigstens die ganze Stadt zubomben, wäre es ja schon wieder cool, so richtig fanatisch. Bei einigen Sprühern, die jetzt ins Street-Art-Metier gewechselt sind, ist dagegen diese Radikalität von Graffiti noch zu spüren. Das sind für mich oft die spannendsten Sachen.

Lässt sich Street-Art auch besser kommerzialisieren?

Klar. Für mein Gefühl ist Graffiti noch ein bisschen ehrlicher. Graffiti-Writing sagt ganz offen „Ich habe keine Aussage. Ich kommuniziere im öffentlichen Raum, aber mir ist eigentlich egal, ob die anderen das verstehen.“ Das ist ein cooler Style. Manchmal ist es auch gut, dass Graffiti so codiert ist, das man es gar nicht versteht. Da wird ein gewisses Niveau allein durch die Codierung geschaffen. Street Art ist da geöffneter, man will halt mit allen kommunizieren. Eine Faust kann jeder verstehen. Viele Street-Art-Künstler betonen natürlich auch eher den ästhetischen Aspekt. Die Grenzen zum Graffiti sind aber oft fließend.

Diese Gegeneinandersetzung von beidem, der Battle-Charakter ist nervig: Street Art ist cool, Graffiti nur was für Kinder...

... oder Graffiti ist Vandalismus, aber Street-Art ist Kunst.

Genau, dabei ist die Sachbeschädigung genau die gleiche, Graffiti kann sogar noch ein bisschen softer sein. Aber die Sprühdose ist immer das Teufelswerkzeug. Ich bin auf jeden Fall gegen diese Verteufelung. Bei solchen Gelegenheiten betone ich immer gerne, dass ich Graffiti-Sprüher bin. Mein Herz ist nach wie vor Graffiti.

Aber es gibt auch spannende Street-Art-Leute, von denen wir einige im Programm haben.

Hast du Favoriten oder Programm-Empfehlungen?

Die beste Empfehlung wäre, so viel wie möglich zu gucken. Man soll sich ein gutes und breites Bild machen können. Zu meinen Favoriten gehören Inside Outside und Next – A Primer on Urban Painting , zwei sehr gute Dokumentationen, die sich fast nur mit Street Art beschäftigen. Beide sind visuell und inhaltlich stark, während es bei manchen Filmen schon ne krasse Differenz zwischen Inhalt und Optik gibt.

Bomb the System ist auf jeden auch Fall sehenswert, schon allein, weil der so sicher nicht wieder nach Deutschland kommt. Das ist ein Film von Adam B. Lough aus New York, richtig groß produziert und auf 35mm gedreht, also Spielfilmformat. Den zeigen wir als Blockbuster-Battle gegen Wholetrain , den Film von Florian Gaag, der in Deutschland demnächst regulär in die Kinos kommt. Das ist auch eine richtig fette Produktion, für unsere Verhältnisse mit enorm viel Geld dahinter. Adam und Florian kennen sich nicht, haben aber an derselben Uni in New York studiert und zwei ganz ähnliche Filme gedreht. Jetzt kommen beide zu unserem Festival, wo sie das erste Mal gegenseitig ihre Filme sehen werden. Das ist auf jeden Fall auch so ein Thrill für uns, auf dem Festival Leute zusammenzubringen.

Wie seid ihr eigentlich an die ganzen Filme gekommen?

Zum großen Teil über eine offensive Akquise. Viele von den Filmemachern kennen wir und sprechen sie direkt an. Ein eher kleinerer Anteil kommt einfach so über die Webseite rein, über das reguläre Anmeldeformular.

Bezahlt ihr für die Filme?

Ein paar Leute werden eingeflogen, aber eigentlich wird nichts bezahlt. Das könnten wir uns auch gar nicht leisten. Das ganze Festival ist hardcore Low-Budget.

Für die Backjumps -Ausstellung hat Adrian Nabi 35.000 Euro vom Hauptstadtkulturfonds bekommen. Wie finanziert ihr das Festival?

Zur Hälfte über Sponsoren, die andere Hälfte strecken wir selber mit privaten Geldern vor.

Wir haben uns auch dieses Jahr beim Hauptstadtkulturfonds beworben, sind aber wieder abgelehnt worden. Der Unterschied zwischen Adrian und uns ist der, dass Adrian keine Einnahmen hat. Eigentlich sollte man denken, es ist ja schön, dass wir auch selber ein bisschen was erwirtschaften. Aber Selbstständigkeit ist bei denen anscheinend nicht gefragt.

Backjumps und Rhythm of the Line : Siehst du das so, dass ihr alle älter werdet und Graffiti mit Kunstausstellungen und Filmfestivals gesellschaftsfähig macht? Wird die urbane Subkultur langsam ein bisschen etablierter?

Nicht unbedingt. Meistens find ich die frechsten Sachen auch immer noch am besten. Mein Ansatz ist eher: Wenn ich schon selber nicht mehr rausgehe und sprühe, will ich trotzdem die frechen Sachen unterstützen und in erster Linie die Kultur aufrechterhalten.

Beim Festival haben wir immer ein sehr gemischtes Publikum, neben den älteren Leuten sind auch viele Kids dabei. Ich finde das cool, weil ich da die nächste Generation heranreifen sehe. Es geht mir bei Rhythm of the Line in erster Linie darum, die Sache populär zu halten und öffentlich zu zeigen. Es gibt da viele gute Ideen, die man zeigen sollte.

“Rhythm of the Line findet vom 13. – 17. April in den Berliner Kinos Eiszeit, Babylon und International statt. Mehr Infos, das gesamte Programm und Trailer zu einigen Filmen unter www.rotl.de

04 / 2006
ZEIT ONLINE