Jürgen lebt seit drei Jahren auf der Straße. Seit einiger Zeit verkauft er
eine Obdachlosenzeitung - endlich wieder eine Aufgabe. Immer, wenn ich mir auf dem Weg ins Büro einen Kaffee hole, steht er mit seinen Zeitungen vorm Bäcker. Zwei Porträts von zwei Welten
Von Mathias Richel
Jeden Morgen 9.30 Uhr mache ich mich auf den Weg ins Büro. Vorbei an den sanierten Fassaden in Mitte, quer über den Hackeschen Markt, rein in den Bäcker meines Vertrauens, Baguette geschnappt und "Coffee to go" in der Hand. Die Ladenzeilen mit den teuren Klamotten, Handtaschen und Designerhaushaltsnippes fliegen nur so an mir vorüber. Ich überhole Passanten und noch eiligere überholen mich. Die Arbeit ruft, keine Zeit für Blicke nach rechts und links.
Jürgen steht immer bei diesem Bäcker, aber er nimmt sich Zeit. Manchmal steht er hier drei, vier Stunden am Stück, oft schon ab 7 Uhr früh. Er schaut sich die Menschen an, die vorbeikommen und hofft auf ein gutes Geschäft. Jürgen ist Einzelunternehmer. Eine Pause gönnt er sich nicht, Gelegenheit für einen Kaffee bleibt selten. Unruhig wippt er von einem Fuß auf den anderen, es ist kalt geworden. Jürgen ärgert sich, die Geschäfte laufen nicht.
Punkt zehn haste ich die Treppen hoch, schließe die Tür auf, sprinte an meinen Schreibtisch und heuchle Enthusiasmus. Ewig möchte ich das hier nicht mehr machen. Manch schöne Möglichkeit hätte sich schon ergeben. Jung, gut ausgebildet und voller Pläne für die Zukunft. Jetzt muss ich aber hier erst einmal durch. E-Mails lesen, Espresso trinken und kurz durch die Zeitungen blättern.
Es ist 10.30 Uhr. Jürgen liest in der Zeitung. Das macht er mit jeder Ausgabe. Dann hat er etwas zu erzählen und er kann sie besser verkaufen. Jürgen verkauft die Obdachlosenzeitung "Motz". Er lebt seit drei Jahren auf der Straße und ist mittlerweile 47 Jahre alt. Damals kam er von Uerdingen nach Berlin. Der totale Neuanfang, bloß weg aus der alten Umgebung, raus aus dem Ruhrgebiet. Die Hauptstadt versprach Hoffnung.
Der Vormittag plätschert so dahin. Telefonieren, Mails schreiben, kollegiale Zwiegespräche und Korrekturen lesen. Die Moderedaktion braucht Hilfe. Welche Fotos kommen in die Strecke und welches nehmen wir aufs Cover? Hitzige Diskussionen um Farben und Schnitte. Das Cover bedeutet alles. Es entscheidet, ob das Heft liegen bleibt oder ob es gekauft wird. Der Creative-Director sitzt mit seiner Assistenz in New York und lenkt fernmündlich die gestalterischen Geschicke der Ausgabe. Das Cover hasst er.
Jetzt ist es wirklich verdammt kalt geworden und die Straßen merklich leerer. Das wird erst wieder was zur Mittagspause, denkt sich Jürgen laut. Zwei von 15 Zeitungen ist er losgeworden und ein wenig Kleingeld klimpert in seiner Jackentasche. Damals hat er im Ruhrgebiet Großrechner gewartet, die die Zechen überwacht haben. Als dann nach und nach eine Zeche nach der anderen geschlossen wurde, brauchte man ihn nicht mehr. Für die anstehenden Strukturreformen war er mit 42 Jahren zu alt, hat man ihm gesagt. Die neuen Rechner, die jetzt überall stehen, sind viel moderner, viel komplexer. Ich kam da nicht mehr rein, sagt Jürgen.
Wir haben alle Hunger. Unser Chef führt noch ein kleines Restaurant in
Mitte. Liebevoll nennen wir es unsere Kantine, das darf bloß unser
Chef nicht hören. Er will hier Essen auf Sterneniveau präsentieren.
Vivaldi streicht um unsere Ohren und ich entscheide mich für das
vegetarische Mittagsmenü. Es ist ein Kommen und Gehen. Die
angrenzenden Werbeagenturen schleusen hier ganze Batterien an
Mitarbeitern durch. Wir alle sind gestresst. Die Stimmung ist gereizt.
Das Cover-Thema lässt uns immer noch nicht los und dominiert die
Tischgespräche.
Erst war der Job weg und dann irgendwann auch die Perspektiven. Seine
Frau hatte ihre Leidenschaft für Katalogbestellungen für sich erkannt.
Die Wohnung füllte sich bald mit unnützen und vor allem teuren
Gegenständen. Alles ging von Jürgens Konto runter. Seine Frau hatte nie
gearbeitet. Brauchte sie auch nicht, platzt es aus ihm heraus.
Irgendwann war sein Konto leer und die Bank kündigte seinen
Dispositionskredit. Schulden, noch mehr als vorher schon. Haus, Auto,
Urlaub – alles auf Raten. Trotzdem treffen immer noch Lieferungen mit
den verführerischen drei Buchstaben des Teleshopping-Kanals ein.
Die Gemüsetorte liegt irgendwie schwer im Magen, aber der Chef gibt
eine Runde Prosecco aus. Die Ausgabe ist eigentlich so gut wie im
Kasten. Für das Cover-Problem haben wir eine Lösung gefunden, jetzt
kann die Druckerei endlich ihre ersten Proofs machen. So einen
Vormittag wünscht man sich nicht jeden Tag. Aber das ist immer so: Kurz
vor Schluss wird es für alle Beteiligten immer noch mal richtig
stressig. Jetzt können wir uns ein wenig Zeit lassen und sitzen noch
eine Weile auf den rotsamtenen Couches.
Seine Frau hat es irgendwann nicht mehr ausgehalten. Der Druck der
Schulden lastete schwer auf ihr. Wovon sie leben sollen, fragt sie sich
immer häufiger. Auch Jürgen weiß keinen Ausweg. Sie verlässt ihn von
heute auf morgen. Nun steht er allein da. Ein großes Haus, das der Bank
gehört, und einem minus von 85.000 Euro auf seinem Konto. Ihm wird
alles gepfändet, er hatte für alles unterschrieben. Das Haus, immerhin
schon ein Vierteljahrhundert alt, wurde erst zwangsversteigert und
gehört jetzt wohl einem anderen. Der macht in Internet, blafft Jürgen.
Gutgelaunt geht es in die Redaktion. Die Post war da. Riesige Pakete
stehen im Flur. In jeder Ausgabe werden neue Lifestyle-Produkte
vorgestellt, die wir natürlich vorher alle testen dürfen. Klamotten,
Parfums, mein Chef schnappt sich zwei Uhren. Er hat das natürliche
Vorgriffsrecht. Wir machen uns über den Rest her. Diesmal erwische ich
ein PC-Spiel und zwei Electro-Sampler. Beim Durchhören finde ich sie
allerdings nicht mehr so spitze und gebe sie an den Grafikpraktikanten
weiter. Ich bin nicht glücklich, aber Cheffe zeigt stolz seine neue
Uhr. Sie steht ihm.
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Jürgen hat Stolz. Noch nie war er auf staatliche Hilfe angewiesen und
auch jetzt will er es allein schaffen. Trotzdem nimmt er die angebotene
Sozialwohnung an. Das Amt übernimmt die Miete. Die Langeweile ist dein
größter Feind, erklärt Jürgen. Dann fangen sie alle an zu saufen, sagt
er weiter. Jürgen trinkt nicht. Er verträgt keinen Alkohol. Manchmal
findet er das scheiße. Aber er raucht wie der Schlot einer
Zeche. Er dreht sich eine nach der anderen und das so schnell, dass man
mit dem Schauen nicht hinterherkommt. Das Fernsehen langweilt ihn,
diese ganzen Talkshow-Affen. Er geht raus. Beim "Ali", einer Dönerbude,
findet er neue Bekannte, die zu Freunden werden. Alle haben gleiche
oder ähnliche Schicksale.
Es ist Nachmittag und dem Espresso-Automat wird jetzt keine Pause
gegönnt. In der Redaktionssitzung gibt es erst einmal eine ordentliche
Manöverkritik, die erste von zweien. Jetzt wird die Redaktionsarbeit
ausgewertet und dann beim zweiten Mal, wenn die Hefte aus dem Druck
sind, bekommt die Grafik ihr Fett weg. Was war schlecht oder gut und
was bringen wir in die nächste Ausgabe? Welche Texte sind schon da und
welche Themen brauchen noch Inhalt? Kommen neue Praktikantinnen und
wie lösen wir endlich das Serverproblem? Von uns hier ist keiner
Fachmann.
Jürgen ist immer seltener zuhause. Die Wohnung müllt zu. Nächtelang
treibt er sich mit seinen Kumpels umher und bewahrt sie vor Ärger. Er
bleibt meist als einziger nüchtern. Der Kreis schließt sich immer enger
um Jürgen. Bald geht er gar nicht mehr ins eigene Bett, sondern schläft
mit den Jungs im Park. Nacht um Nacht. Sie geben sich gegenseitig Halt.
Sie suchen Flaschen und machen sie zu Geld. Zusammen gehen sie zum Amt
und holen sich die Stütze. Es wird viel gefeiert, ein Grund findet sich
immer. Vor allem wird viel getrunken und Jürgen hat teil an diesem
Rausch. Passiv, aber er ist dabei. Eines Morgens wacht ein Freund nicht
mehr auf.
17 Uhr und der Tag neigt sich langsam seinem Ende entgegen. Ich habe heute wirklich viel geschafft. Der Textchef und ich gehen jetzt noch ein wenig Fifa zocken. Er hat sich einen Beamer gekauft und den müssen wir unbedingt ausprobieren. Er kocht eine wirklich gute Pasta und wir trinken Wein. Danach bekomme ich eine Lehrstunde in Sachen Video-Fußball. Das ist echt deprimierend, er tanzt mich wirklich prächtig aus.
Jürgen schrickt auf. Er weiß, dass er so nicht weitermachen kann. Nicht
hier. Er muss weg, auf nach Berlin. Alle reden von Berlin. Dort will er
es probieren. Er leiht sich bei Freunden Geld, kratzt seine letzten
Münzen zusammen und kauft sich ein Regio-Ticket in die Hauptstadt. Doch
Jürgen hat hier eigentlich noch weniger als in Uerdingen, erkennt er.
Seine Freunde fehlen. Er sucht sich welche, treibt sich am Zoo rum,
verweilt vor den U-Bahn-Eingängen, aus denen ein warmer Wind kommt. Von
drinnen werden sie immer vertrieben, von den Ordnungskräften.
Irgendwann wird er auf der Straße von einem "Motz"-Verkäufer
angesprochen.
Mir ist kalt. Ich beeile mich nach Hause zu kommen. Ich freue mich auf
einen warmen Tee und ein wenig Fernsehen, vielleicht eine gute
Talkrunde im Dritten oder so. Ich sitze am Tisch und esse noch einen
kleinen Mozzarella-Salat. Mein Magen macht nicht so richtig mit,
heute zuviel durcheinander in mich rein gegessen. Ich bin froh, dass der Tag zu Ende ist und werde heute früh schlafen gehen. Morgen wird es sicher nicht einfacher.
Jürgen verkauft jetzt die "Motz". Nüchterne Menschen zu finden, sei schwer, hätten sie gesagt. Er macht das gern. Endlich wieder eine Aufgabe. Die Streetworker im Männerwohnheim haben ihm gesagt, dass sie bei der Wohnungssuche helfen wollen. Das ist ein kleiner Traum, sagt er, eine kleine Wohnung. Das ist ihm wichtig. Er braucht eine feste Adresse. Jürgen will raus aus den Heimen, wo man beklaut wird und wo sich Ungeziefer durch deine Sachen frisst. Wenn er die Wohnung hat, dann kann er sich Privatinsolvent melden und ist dann in sieben Jahren schuldenfrei, hat man ihm gesagt. Solange will er noch die "Motz" verkaufen und dann noch mal neu anfangen. Jürgen wäre dann 54 Jahre alt.