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Gesellschaft

Eine Straße, zwei Welten

TEIL 3

Jürgen hat Stolz. Noch nie war er auf staatliche Hilfe angewiesen und auch jetzt will er es allein schaffen. Trotzdem nimmt er die angebotene Sozialwohnung an. Das Amt übernimmt die Miete. Die Langeweile ist dein größter Feind, erklärt Jürgen. Dann fangen sie alle an zu saufen, sagt er weiter. Jürgen trinkt nicht. Er verträgt keinen Alkohol. Manchmal findet er das scheiße. Aber er raucht wie der Schlot einer Zeche. Er dreht sich eine nach der anderen und das so schnell, dass man mit dem Schauen nicht hinterherkommt. Das Fernsehen langweilt ihn, diese ganzen Talkshow-Affen. Er geht raus. Beim "Ali", einer Dönerbude, findet er neue Bekannte, die zu Freunden werden. Alle haben gleiche oder ähnliche Schicksale.

Es ist Nachmittag und dem Espresso-Automat wird jetzt keine Pause gegönnt. In der Redaktionssitzung gibt es erst einmal eine ordentliche Manöverkritik, die erste von zweien. Jetzt wird die Redaktionsarbeit ausgewertet und dann beim zweiten Mal, wenn die Hefte aus dem Druck sind, bekommt die Grafik ihr Fett weg. Was war schlecht oder gut und was bringen wir in die nächste Ausgabe? Welche Texte sind schon da und welche Themen brauchen noch Inhalt? Kommen neue Praktikantinnen und wie lösen wir endlich das Serverproblem? Von uns hier ist keiner Fachmann.

Jürgen ist immer seltener zuhause. Die Wohnung müllt zu. Nächtelang treibt er sich mit seinen Kumpels umher und bewahrt sie vor Ärger. Er bleibt meist als einziger nüchtern. Der Kreis schließt sich immer enger um Jürgen. Bald geht er gar nicht mehr ins eigene Bett, sondern schläft mit den Jungs im Park. Nacht um Nacht. Sie geben sich gegenseitig Halt. Sie suchen Flaschen und machen sie zu Geld. Zusammen gehen sie zum Amt und holen sich die Stütze. Es wird viel gefeiert, ein Grund findet sich immer. Vor allem wird viel getrunken und Jürgen hat teil an diesem Rausch. Passiv, aber er ist dabei. Eines Morgens wacht ein Freund nicht mehr auf.

17 Uhr und der Tag neigt sich langsam seinem Ende entgegen. Ich habe heute wirklich viel geschafft. Der Textchef und ich gehen jetzt noch ein wenig Fifa zocken. Er hat sich einen Beamer gekauft und den müssen wir unbedingt ausprobieren. Er kocht eine wirklich gute Pasta und wir trinken Wein. Danach bekomme ich eine Lehrstunde in Sachen Video-Fußball. Das ist echt deprimierend, er tanzt mich wirklich prächtig aus.

Jürgen schrickt auf. Er weiß, dass er so nicht weitermachen kann. Nicht hier. Er muss weg, auf nach Berlin. Alle reden von Berlin. Dort will er es probieren. Er leiht sich bei Freunden Geld, kratzt seine letzten Münzen zusammen und kauft sich ein Regio-Ticket in die Hauptstadt. Doch Jürgen hat hier eigentlich noch weniger als in Uerdingen, erkennt er. Seine Freunde fehlen. Er sucht sich welche, treibt sich am Zoo rum, verweilt vor den U-Bahn-Eingängen, aus denen ein warmer Wind kommt. Von drinnen werden sie immer vertrieben, von den Ordnungskräften. Irgendwann wird er auf der Straße von einem "Motz"-Verkäufer angesprochen.

Mir ist kalt. Ich beeile mich nach Hause zu kommen. Ich freue mich auf einen warmen Tee und ein wenig Fernsehen, vielleicht eine gute Talkrunde im Dritten oder so. Ich sitze am Tisch und esse noch einen kleinen Mozzarella-Salat. Mein Magen macht nicht so richtig mit, heute zuviel durcheinander in mich rein gegessen. Ich bin froh, dass der Tag zu Ende ist und werde heute früh schlafen gehen. Morgen wird es sicher nicht einfacher.

Weiterlesen im 4. Teil »


 
 



 

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