Gesellschaft
Eine Straße, zwei Welten
TEIL 2
Jetzt ist es wirklich verdammt kalt geworden und die Straßen merklich leerer. Das wird erst wieder was zur Mittagspause, denkt sich Jürgen laut. Zwei von 15 Zeitungen ist er losgeworden und ein wenig Kleingeld klimpert in seiner Jackentasche. Damals hat er im Ruhrgebiet Großrechner gewartet, die die Zechen überwacht haben. Als dann nach und nach eine Zeche nach der anderen geschlossen wurde, brauchte man ihn nicht mehr. Für die anstehenden Strukturreformen war er mit 42 Jahren zu alt, hat man ihm gesagt. Die neuen Rechner, die jetzt überall stehen, sind viel moderner, viel komplexer. Ich kam da nicht mehr rein, sagt Jürgen.
Wir haben alle Hunger. Unser Chef führt noch ein kleines Restaurant in
Mitte. Liebevoll nennen wir es unsere Kantine, das darf bloß unser
Chef nicht hören. Er will hier Essen auf Sterneniveau präsentieren.
Vivaldi streicht um unsere Ohren und ich entscheide mich für das
vegetarische Mittagsmenü. Es ist ein Kommen und Gehen. Die
angrenzenden Werbeagenturen schleusen hier ganze Batterien an
Mitarbeitern durch. Wir alle sind gestresst. Die Stimmung ist gereizt.
Das Cover-Thema lässt uns immer noch nicht los und dominiert die
Tischgespräche.
Erst war der Job weg und dann irgendwann auch die Perspektiven. Seine
Frau hatte ihre Leidenschaft für Katalogbestellungen für sich erkannt.
Die Wohnung füllte sich bald mit unnützen und vor allem teuren
Gegenständen. Alles ging von Jürgens Konto runter. Seine Frau hatte nie
gearbeitet. Brauchte sie auch nicht, platzt es aus ihm heraus.
Irgendwann war sein Konto leer und die Bank kündigte seinen
Dispositionskredit. Schulden, noch mehr als vorher schon. Haus, Auto,
Urlaub – alles auf Raten. Trotzdem treffen immer noch Lieferungen mit
den verführerischen drei Buchstaben des Teleshopping-Kanals ein.
Die Gemüsetorte liegt irgendwie schwer im Magen, aber der Chef gibt
eine Runde Prosecco aus. Die Ausgabe ist eigentlich so gut wie im
Kasten. Für das Cover-Problem haben wir eine Lösung gefunden, jetzt
kann die Druckerei endlich ihre ersten Proofs machen. So einen
Vormittag wünscht man sich nicht jeden Tag. Aber das ist immer so: Kurz
vor Schluss wird es für alle Beteiligten immer noch mal richtig
stressig. Jetzt können wir uns ein wenig Zeit lassen und sitzen noch
eine Weile auf den rotsamtenen Couches.
Seine Frau hat es irgendwann nicht mehr ausgehalten. Der Druck der
Schulden lastete schwer auf ihr. Wovon sie leben sollen, fragt sie sich
immer häufiger. Auch Jürgen weiß keinen Ausweg. Sie verlässt ihn von
heute auf morgen. Nun steht er allein da. Ein großes Haus, das der Bank
gehört, und einem minus von 85.000 Euro auf seinem Konto. Ihm wird
alles gepfändet, er hatte für alles unterschrieben. Das Haus, immerhin
schon ein Vierteljahrhundert alt, wurde erst zwangsversteigert und
gehört jetzt wohl einem anderen. Der macht in Internet, blafft Jürgen.
Gutgelaunt geht es in die Redaktion. Die Post war da. Riesige Pakete
stehen im Flur. In jeder Ausgabe werden neue Lifestyle-Produkte
vorgestellt, die wir natürlich vorher alle testen dürfen. Klamotten,
Parfums, mein Chef schnappt sich zwei Uhren. Er hat das natürliche
Vorgriffsrecht. Wir machen uns über den Rest her. Diesmal erwische ich
ein PC-Spiel und zwei Electro-Sampler. Beim Durchhören finde ich sie
allerdings nicht mehr so spitze und gebe sie an den Grafikpraktikanten
weiter. Ich bin nicht glücklich, aber Cheffe zeigt stolz seine neue
Uhr. Sie steht ihm.
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