Praktika
Kaffee kochen können wir auch zuhause!
Das Prinzip Praktikant ist zur Ausbeutung eskaliert. Erst seit einem Jahr wird über dieses Thema gesprochen. Doch inzwischen formiert sich der Widerstand gegen das System des Arbeitsmarkts. Wann macht ein Praktikum Sinn?
Crisse Küttler
Inzwischen haben nahezu alle Stellenangebote eine eigene Rubrik nur für Praktikanten. Doch das ist nicht als Indiz dafür zu werten, dass die Unternehmen hierzulande ihre gesellschaftliche Aufgabe entdeckt hätten. Sie geben nicht etwa dem Nachwuchs die Chance, während der theoretischen Ausbildung ein bisschen praktische Luft einzuatmen - geschweige denn Orientierungshilfe für die berufliche Zukunft zu geben. Diese Börsen sollen lediglich billigste Arbeitskräfte in ihre Firmen spülen.
Per gesetzlicher Definition sollen die Praktikanten im Rahmen ihrer Ausbildung unterstützt werden: „Der Lerneffekt sollte im Vordergrund stehen und nicht die Arbeitskraft“, sagt Susanne Rinecker von Fairworks. Der Verein setzt sich für die Rechte der Praktikanten ein. Und die existieren, auch wenn wenige davon wissen: „Viele denken: ich bin ja nur Praktikant und habe keine Rechte. Aber das stimmt nicht.“ Deshalb fungiert Fairworks als Interessensvertretung, indem der Verein über die derzeitige Situation in den Medien aufklärt und als Ratgeber zur Seite steht.
„Wir wollen eine Lobby schaffen, weil es die bisher noch gar nicht gibt“, sagt Rinecker. Gewerkschaften setzen sich zwar durchaus für Auszubildende ein, vergessen aber dabei meist die Praktikanten. Rene Rudolf zum Beispiel von der Jugendabteilung von Verdi, meint, dass es in den Tarifverträgen diesbezüglich keine Regelungen gäbe, sondern diese von den jeweiligen Unternehmen verabschiedet werden. Im Zeit-Verlag kümmert sich der Betriebsrat darum, dass im Haus die besagten Regelungen den gesetzlichen Vorgaben entsprechen. Praktikanten spielen insgesamt allerdings nur eine Nebenrolle. In kleineren Firmen fehlen solche Interessensvertreter gänzlich.
Diese fehlende Lobbyarbeit hat dazu geführt, dass die Situation seit Ende der 90er Jahre eskaliert ist. Praktikanten werden fast überall ausgebeutet. Oft arbeiten sie ein halbes Jahr für lau – als eigenständige Arbeitskraft, die keinen Mentor zur Seite gestellt bekommt. Warum auch, die meisten von ihnen haben schließlich eine akademische Lehre hinter sich. Deshalb sollte kein Hochschulabsolvent als Praktikant arbeiten. Susanne Rinecker meint: „Wenn jemand doch ein Praktikum braucht, sei es, weil er es während des Studiums versäumt hat oder auf diese Weise in einen Beruf reinkommen möchte, sollte es zumindest fair sein.“ Das hieße neben geregelten Arbeitszeiten und Urlaubsanspruch, einen Lohn zu zahlen, der dem Arbeitslosengeld II entspricht, also etwa 700 Euro netto. Außerdem sollte ein Praktikum nie länger als drei Monate dauern.
„Wer hat schon 6 Monate Zeit?“, fragt sich Rinecker. Solche Angebote beziehen sich immer auf Hochschulabsolventen und entsprechen damit nicht mehr dem eigentlichen Sinn. Das Studium macht so lange Arbeitsverhältnisse unmöglich. Dabei sollten genau in dieser Zeit praktische Erfahrung schon gesammelt werden. Stattdessen werden die anspruchsvollen Tätigkeiten von jungen Akademikern übernommen. Den meisten bringt dies wenig für ihre Zukunft, denn ein Praktikum gilt nicht als Berufserfahrung. Die Studenten können dann höchsten noch für frischen Kaffee sorgen.