Richels Popkomm Diary
Tag I
Drei Tage lang trägt Berlin Kopfhörer. Pop ist das Thema. Der Zuender führt Tagebuch.
Mathias Richel
Die wichtigste Musikmesse des Landes spannt ihre Designer-Zelte auch dieses Jahr wieder in Berlin auf. Heute wurde die Starttaste auf den 1210ern des 3-Tage-Wahnsinns gedrückt. Die Gästeliste zur Veranstaltung, die nur Fachbesuchern zugänglich bleibt, war mit reichlich Prominenz bestückt und da man in Berlin auch gern gleich zwei Oktaven höher spielt, gab sich auch die große Politik die Ehre: Wirtschaftsminister Clement und der Regierende Bürgermeister Wowereit wippten im Takt der omnipräsenten Elekto-Lounge-Fideleien durch die Hallen, tänzerisch begleitet durch den Zaren der Musikmedien Dieter Gorny und den ein wenig deplaziert dreinschauenden Paul van Dyk, dem die vielen Kameras offensichtlich zu oft in seinen Tanzbereich stolpernden. Was war zu hören? Der Musikbranche geht es gut und es wird ihr noch besser gehen. Optimismus überall und das obwohl mit einer guten Handvoll Anbietern von MP3-Programmen, der ehemalige Erzfeind der Szene gleich in allen Hallen vertreten war. Nachdem das Musikportal iTunes vormachte, wie man mit dem komprimierten Hörgenuss auch richtig Asche machen kann, wollen wohl alle mit ins Boot. Der Rubel rollt und der Zug nimmt gerade erst Fahrt auf.
Rewind Selecta! Wie war dass noch letztes Jahr? Größtes Thema damals waren wohl die Klingeltöne. Doch nachdem der Monopol-Musikvideo-Discounter MTV sich dazu durchgerungen hat, bis zum frühen Abend keine singenden Tweetys und sabbernden Frösche mehr zu zeigen, verliert das Thema auch auf der diesjährigen Popkomm an Relevanz. Genug verdient. Das heißt aber nicht, dass man sich schon ganz der Ästhetik des Trashes entledigt hat. So sieht der Messe-Stand von Viva aus, wie ein explodierter Dauerlutscher in der Mikrowelle. Wer hat eigentlich gesagt, dass die Lieblingsfarbe der Viva-Klientel, den Namen „quietschrosabunt“ trägt? Ein wenig tun einen die hübschen Standhostessen leid, die sich in den Semesterferien hier ein paar Euros dazuverdienen.
Überhaupt scheint diese Messe ein sehr junges Publikum anzuziehen. Wenige sind hier über dreißig und die, welche diese Altersgrenze doch schon überschritten haben, setzen alles daran trotzdem hip und total zielgruppennah rüber zu kommen. Dabei wird eines ganz deutlich: Musik ist eine Ware, die es zu verkaufen gilt. Auch als Musikliebhaber zweifelt man sicher nicht daran, doch tut diese Erkenntnis besonders weh, wenn man sie in drei Messehallen zusammengeballt erleben darf. Und so soll Spanien dieses Jahr die Gelegenheit bekommen, sich besonders verkaufen zu können. Die Popkomm doch unter dem Motto: „Spain – where music lives“. Leider fehlt es vollkommen am spanischen Flair und so sitzen die gesamte Delegation und ihre Protagonisten der dortigen Musikszene, in einem Rondell zwischen zwei Hallen, mit nicht mehr Standfläche als der Musikpark Mannheim in Halle zwei. Schade, hier hätte der Besucher bestimmt mehr erwartet.
Nun gibt es aber gar keinen Grund alles schlecht zu schreiben. Unzählige kleine Projekte und Labels stellen sich im Rahmen der Messe vor. Ambitionierte Ideen und talentierte Künstler fehlen ebenso wenig, wie Mut zu neuen Wegen. Ein Projekt aus dieser Preisklasse werde ich euch morgen vorstellen. Bis dahin gilt es Mut bewahren und Ausgehfein zu machen: Heute Nacht gibt es die große Eröffnungsparty. Eine Sache blieb heute wirklich bei mir hängen, neben all den Promo-CDs, T-Shirts, Buttons, Aufklebern und Pressemappen, der wahre und gleichzeitig irgendwie tröstende Satz der MTV-Moderators Patrice zur Eröffnung: It´s Music, Baby!
TagIII: Die Popkomm hat es gezeigt: Der Musikstadt Berlin und den großen Labels geht es ganz fantastisch. Aber was ist mit den kleinen?
TagII: Der deutsche Pop ist verkatert. Zumindest heute vormittag. Unser Popkommtagebuch