Hip Hop
Gegengift für deutsche Depressive
Immos
Grenzenlose Freiheit
stellt klar, dass HipHop auch anders als aggro klingen kann
Das neue Album von Flowin´ Immo erscheint in einer Zeit, in der die deutsche Depression die Tageszeitungen beherrscht. Schon der Albumtitel
Grenzenlose Freiheit
lässt keinen Zweifel daran aufkommen, dass der Noch-Berliner sich mit diesem Zustand nicht abfindet. Immo wird dieses Jahr 30, und gehört damit noch zur „Generation Golf“, die sich das aktuelle Modell des Fahrzeugs aus Wolfsburg heute zum Großteil nicht mehr leisten kann. Als Bestandteil der deutschsprachigen HipHop-Szene, die er Mitte der 90er gemeinsam mit Ferris MC um
FAB
(Freak Association Bremen) und diverse Platten bereicherte, hat er zugleich Zugang zur Teenager-Generation. Sie trifft es noch deutlich schlimmer, denn zur verschärften wirtschaftlichen Lage gesellen sich seit langem atmosphärisch-gesellschaftliche Veränderungen. An die Stelle der kuscheligen Umgebung, in der man in den 80ern mit
Wetten Dass…?
von Frank Elstner und Wimbledon-Siegen von Boris Becker aufwuchs, sind seit über zehn Jahren selbst recycelnder Talkshow-Terror und Reality-Kult getreten. Senderübergreifend überbieten sich „Society-Experten“ bei der Analyse von Promi-Befindlichkeiten und Flachheiten. Kaum jemand kann sich diesem auf Äußerlichkeit und Materialität runtergebrochenen Wertesystem entziehen.
Was an deutschsprachigem HipHop medial wahrnehmbar ist, liefert dazu keinen Gegenentwurf. Was verwunderlich wäre, wäre HipHop noch eine Subkultur. Längst ist dieses Genre jedoch Bestandteil des gleichmacherischen Mainstreams geworden, in dem ein pervertierter Begriff von Individualität für reinen Egoismus herhält. Mit der Schutzbehauptung, lediglich die Realität abzubilden, rechtfertigen deutsche Plattenfirmen inzwischen die auf die genannten „Werte“ reduzierten „Inhalte“ ihrer Künstler. Unter grotesker Berufung auf Kunstfreiheit legitimiert man, dass Rapper in Videos, die auf MTV und Viva auf höchster Rotation laufen, jeden als „Opfer“ beschimpfen, der zu hässlich ist und zu wenig Geld hat, um in die Clubs zu kommen, in denen die Koksnutten Schlange stehen. Das darf man schade finden, ohne zu jenen zu gehören, für die früher alles besser war.
Grenzenlose Freiheit
ist vor diesem Hintergrund ein Gegengift, dessen Heilkraft auch deshalb so stark ist, weil es von einem gereiften Künstler stammt. Immo ist lange in der post-handwerklichen Phase HipHops angekommen – er macht Musik. Ob Rap, Gesang auf swingendem Jazz, Electro-Blues oder Funk-Inferno: Nichts klingt hier nach Nachahmung. Ohne jede direkte Bezugnahme auf das, was zurzeit HipHop in Deutschland zu sein scheint, spricht es aus jedem Song: Es muss nicht nur anders gehen, es geht tatsächlich anders.
Es geht um Bewusstsein und Bewusstwerdung, um das Erkennen der Möglichkeiten, und um die Gründe, die das verhindern - wie etwa in den Raps von
Willst Du?
: „Schau Dich an, kuck genau hin - trau dich ran an die reifen Trauben/ Es liegt so nah, es ist kaum zu glauben - und kostet den letzten Nerv, sich freie Zeit zu rauben“. Das zu vergegenwärtigen ist einer der Bestandteile der Mission Immos. „Wir sind so zugeschissen mit allem möglichen Mist, dass wir es nicht schaffen, in dieses Füllhorn zu kucken, das wir alle in uns haben“, regt er sich auf. „Die, die arbeiten, tun das zum größten Teil für jemand anderen und haben nur wenig Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen. In der wenigen Zeit, die ihnen bleibt, schalten sie dann den Fernseher ein und schalten ab. Man verkauft den Leuten einen Film wie Matrix, der ihnen zeigt, wie sie benutzt werden – sie freuen sich darüber und machen weiter.“ Doch Immo ist kein Grübler, seine Revolution heißt Provolution. Es geht um Machen statt Reden: „Es gibt Leute, die fackeln nicht lang, packen an und tun es – andere denken, dass das Leben ein Cartoon is´/ Es ist sicher, dass du es nie mit dir zu tun krichst, wenn du dir immer sagen lässt, was zu tun is´“ („Was soll das sein?“), genauso aber auch um Entspannung und Genuss: „Man kann, wenn man will, aber man muss es nicht/ Das Wichtigste ist, dass es der Lust entspricht“ (ebenfalls in
Willst Du?
).
Positiv-Inhalte wie diese finden sich bei der neuen Berliner „Avantgarde der Härte“, wie ein Artikel von Thomas Gross in der ZEIT überschrieben war, nicht mal im Ansatz. All das wäre nicht schlimm, wenn die verbale Aggression - wie Gross mutmaßt - letztlich nur „Hoppla, hier komm ich!“ zur Aussage hätte. Auch andere Autoren beruhigen sich gerne damit, dass hier nur künstliche Images zur Schau getragen werden. Einerseits muss man sich jedoch fragen, weshalb solche Images scheinbar plötzlich massenkompatibel werden. Und andererseits zeigen die jüngsten Ereignisse um den Berliner Rapper Bushido deutlich, dass diese Analysen zu kurz greifen. Bushido kam Anfang August im österreichischen Linz in Untersuchungshaft - er wird verdächtigt, dort gemeinsam mit zwei Freunden nach einem Konzert so lange auf einen 20-Jährigen eingeschlagen und eingetreten zu haben, dass dieser ein Schädel-Hirn-Trauma und eine Hirn-Blutung erlitt. Nur gegen Zahlung einer Kaution von 100.000 € kam er vorläufig wieder auf freien Fuß. Selbst wenn Bushido unschuldig sein sollte, sind zumindest die Reaktionen, die im Internet (z.B. bei
rap.de
) auf die Meldung und den Grund seiner Verhaftung erfolgten, deutlich: Ein Großteil der Leser erwartet solche Taten und diskutiert die Meldung lediglich unter Image-Aspekten. Oft ist zu lesen, man selbst hätte es genauso gemacht - weshalb hat „der Spast“ (das Opfer) auch die Reifen von Bushidos Mietwagen zerstochen? Das Opfer ist eben nur Opfer, schwach und uninteressant. Immo sieht den Gesichtspunkt Image differenzierter: „Die Vorbildfunktion eines HipHop-Künstlers ist nicht zu unterschätzen. Die Aggressivität gegen alles und jeden nimmt zu. HipHop-Mensch definiert sich heute durch das Gegeneinander, gesteigerter Härtegrad bedeutet Innovation. Diese Spirale der Verhärtung schraubt sich in den jungen Köpfen fest, die diese Maximen übernehmen.“
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