Die "Dandy Warhols", Peter Holmstrom und Brent deBoer, sprechen über Jugend, Lieblingsdrogen und wie man tiefgehende Texte aufnimmt: Indem man Aggressionen vermeidet
Was kann dieses Interview davor bewahren, langweilig zu werden?
Brent: Nur ihr beide.
Peter: Interviews sind nie wirklich langweilig, sie sind oft verstörend. Da sitzt du hier, redest vielleicht ein Stunde mit einem Typen, über dein Leben, deine neue Platte du schüttest dich voll aus und der Typ steht dann auf und sagt: Wie auch immer, bye.
Brent: Fühlst du wirklich so?
Peter: Ja, total! Ich frage mich immer, was zur Hölle das soll.
Wir haben im Vorfeld eine Menge über eure Erfahrung mit Drogen gelesen. Welche Drogen nehmt ihr?
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Brent: Gras und Alkohol. Du bekommst einfach eine zweite Chance, über alles nach zu denken.
Peter: Ich nehme sehr viel Koffein zu mir und manchmal ein paar Pilze.
Aber hast du nicht Angst vor den Folgen?
Peter: Es liegt doch in der eigenen Verantwortung, wie viel man von etwas wirklich nimmt.
Brent: Du hast einfach für ein paar Stunden Spaß und manchmal siehst du deine Hände nicht mehr.
(Beide lachen)
Wollt ihr das ernsthaft jemandem empfehlen?
Peter: Nein, ich will niemandem etwas empfehlen. Jeder trifft doch seine eigenen Entscheidungen. Alles was ich tat, war sehr wichtig für mich und hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin. Darüber bin ich sehr froh.
In Europa haben wir eine etwas liberalere Drogenpolitik als ihr bei euch in den Staaten. Wenn ihr beide die Chance hättet, die Politik der USA in dieser Sache zu bestimmen, was würdet ihr verändern?
Peter: Das Verbot aller Drogen schafft Gewalt und abstruse Situationen. In England darfst du nach 23 Uhr nicht mehr in den Pubs trinken, also hauen sich alle vorher ganz schnell die Köpfe zu und danach selbige ein.
Brent: Die geben so viel Geld aus, um Leute wie mich daran zu hindern, Gras zu rauchen. Das ist eine sehr neue Idee, im Vergleich zur Geschichte der Pflanze. Es gibt auch eine Crack-Epidemie in Amerika. Milliardengelder fließen in den Krieg gegen Drogen und das bedeutet vor allem: Restriktion.
Peter: So viele Menschen sterben nicht nur von dem Zeug, die meisten landen im Knast. Wenn es diese Restriktion nicht geben würde und vieles legal erhältlich sein könnte, würde es definitiv weniger Gangs und Schießereien geben, weil es keinen Drogenmarkt mehr gibt, den es gilt aufzuteilen. Ich weiß nicht, was es bedarf, um die Zustände zu verändern, aber so kann es nicht weitergehen.
Brent: Als während der Prohibition der Alkohol in Amerika verboten war, da haben die Menschen jeden Cent in die kostbare Ware Suff gesteckt und ähnliches passiert gerade mit illegalen Drogen. Da gelten keine Gesetze, dieser Markt hat seine eigenen. Die
DEA
, die
Drug Enforcement Administration
, die diesen Krieg gegen Drogen steuert, ist eine riesige Behörde, und glaubt mir, die vielen Leute dort wollen alle nicht ihren Job verlieren. Die Gefängnisse bei uns sind überfüllt, 80 Prozent der Insassen sitzen direkt oder indirekt wegen Drogendelikten ein. Manche Leute töten einen anderen, um an Stoff zu kommen und die sitzen wiederum mit Leuten ein, die einfach ein wenig Gras verkauft haben. Was hat der kleine Grasdealer neben einem Mörder im Gefängnis zu suchen? Die Gesetze sind so restriktiv in den Staaten, dass so mancher kleine Dealer länger einsitzt als ein Vergewaltiger.
Okay, zur nächsten Frage
Brent: Für was schreibt ihr beiden eigentlich? Für
High Times
?
(Alle lachen)
Nein, wir schreiben für ein Jugend-Onlineportal der ZEIT, einer bekannten Wochenzeitung in Deutschland. Kommen wir zurück zur Frage: Viele Jugendliche in Deutschland beschreiben ihre stereotypen Altersgenossen in den USA als Junk-Food essende, Football schauende Dickerchen ohne Kultur. Haben sie Recht?
Peter: Genau so ist es. Nur an der East- und Westcoast ist das anders. Und an den großen Seen, wie in Michigan oder Chicago. Auf jeden Fall immer am Wasser, da ist alles sicher.
(Beide lachen laut auf)
Nur mittendrin, da trifft auch das Stereotyp genau ins Schwarze. Also gilt: Immer in der Nähe der Küste bleiben.
Brent: Sie haben einfach zu viel Fernsehen, zu viel Langeweile, dicke Autos. Für alles, was man für den alltäglichen Bedarf braucht, gibt es einen Drive-In. Die haben jetzt auch alle Fernseher, DVD-Player und Playstations im Auto. Du musst nicht mehr aufhören, auf die Glotze zu starren, du musst einfach nicht mehr für dich selbst denken.
Was mögt ihr denn an Amerika?
Beide gleichzeitig: I Love it.
Brent: Es ist unvorstellbar: Du bekommst alles was du möchtest, zu jeder Zeit, wann du möchtest. Es ist so riesig, es gibt wunderschöne Orte. Die einzelnen regionalen Unterschiede bewirken, dass es vielleicht fünf oder sechs einzelne Kulturen gibt, einzelne Länder, vereint in einem.
Peter: Die Leute sind sehr kontaktfreudig. Du lernst unheimlich schnell Menschen kennen, ob nun in der Bar, am Strand oder auf der Straße. Das ist faszinierend. Ich hasse aber unsere Politik.
Was genau kannst du nicht leiden?
Peter: Sie denken, sie regieren die Welt. Aber wie soll das gehen? Nur ungefähr fünf Prozent aller Amerikaner besitzen einen Pass. Der Rest von ihnen hat noch nie dieses Land verlassen.
Brent: Der Präsident war schon mindestens einmal woanders.
(grinst)
Peter: Stimmt. Wie kann so ein Typ dieses Land regieren? Sein Vater hat ihn doch auf diesen Stuhl gesetzt, und das auch nur weil er den Namen Bush trägt. Sein Vater weiß ganz genau, dass er einen zurückgebliebenen Bengel zum Sohn hat. Der ist doch ein Herr über gar nichts. Alles, was er sagt und tut, wird ihm vorher eingetrichtert, und das möglichst so einfach, dass er das wenigstens behalten kann. Verstehen soll er es ja gar nicht.
Lasst uns mal zu eurem neuen Album kommen. Viele Kritiker sagen, ihr seid die letzte "coole" Rockband. Was macht denn dieses Album so cool?
Peter: Ich mag viele der neuen Songs. Ich mag die Akkorde, die Texte, die Drums all dies. Aber ob das jetzt cool ist? Dieses Urteil überlass ich lieber jemand anderem. Außerdem, was heißt schon "letzte coole Band"? Danke für das Kompliment, sage ich, aber vielleicht kommen morgen schon andere und die sind viel besser. Ich mag viele andere Bands. Okay, diesmal konnten wir wirklich machen was wir wollten. Wir hatten keine Deadlines und keine Regeln an die wir uns halten mussten. Außerdem haben wir jetzt unser eigenes Studio: Das "Odditorium", wonach wir übrigens auch unser Album benannt haben.
Brent: Ich mag dieses Studio. Es ist feudal eingerichtet und daraus ist auch das bisher kompletteste und natürlichste Album geboren worden, das die
Dandy Warhols
bisher gemacht haben. Kein anderer könnte solch ein Album machen.
Eure neuen Songs sind textlich sehr viel tiefer, auch sehr viel länger als die auf eueren alten Alben. Warum diese Veränderung? Was ist passiert?
Peter: Wir experimentieren immer auf unseren Platten, dass zieht sich auf die eine oder andere Weise durch all unsere Alben. Dieses Mal wollten wir herausfinden, wie man ein Album vollkommen ohne Stress hinbekommt und vor allem, wie es dann klingt.
Brent: Wir haben in diesem riesigen Studio eine Lounge eingerichtet, nur um da zu liegen, zu entspannen und die Gedanken kreisen zu lassen. Es gab keinerlei Aggressionen dadurch und unser traditioneller Einmal-in-der-Woche-Ausraster fand auch nicht statt.
Einmal-in-der-Woche-Ausraster?
Brent: Ja, vor allem unser Sänger hatte es sich zur Eigenschaft gemacht, einmal in der Woche alles hinzuschmeißen und komplett auszurasten. Diesmal gab es nichts davon.
Jungs, habt ihr irgendeine Idee über Jugendkultur in Deutschland? Habt ihr da ein bestimmtes Bild im Kopf?
Brent: Es gibt kaum Unterschiede zu anderen Jugendlichen in Europa. Im Vergleich zu Amerika gibt es aber schon feine Differenzen, obwohl sich wohl alle westlichen Kulturen sehr angenähert haben. Hier wollen alle immer genau informiert werden, über Politik und solche Sachen. Als Amerikaner ist man dann immer in der Defensive. In München habe ich die ganze Zeit mit so einem Typ über die US-Politik diskutiert, für die ich ja nun am wenigsten kann. Ich habe permanent probiert, das Thema zu wechseln. Ich möchte nicht mehr mit Menschen namens "Günther" über dieses Thema sprechen. All der ganze Mist wird auf einen selbst fokussiert. Aber ich weiß, dass unser Sänger ein großer Fan eures Landes ist, zumindest spricht er gern mit diesem Akzent.
Wir wären hier jetzt am Ende. Habt ihr euch nun gelangweilt?