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Backjumps

Weg von der Straße!

Graffitis sind illegal und Sprayer werden immer härter bestraft. Trotzdem unterstützt der Staat die Kriminellen mit Geld, indem er die Ausstellung Backjumps fördert.


Als vor zwei Jahren die Ausstellung Backjumps – The Live Issue eröffnete, schlug sie ein wie eine Bombe. Innerhalb von sechs Wochen wollten 12.000 Besucher die von Straßenkünstlern gestalteten Flächen des Kunstraums Bethanien in Berlin sehen. Das Graffiti in der Stadt erhielt durch die Ausstellung einen kräftigen Qualitätsschub. Wo vorher nur Tags und „Schmierereien“ zu sehen waren, strahlen seitdem immer mehr künstlerisch anmutende Grafiken von den Wänden. Darauf folgten Veranstaltungen wie die Pictoplasma-Konferenz oder das Sprayer-Festival Rhytm of the Line , die eine neue grafische Ästhetik etablierten und Berlin zu einem Zentrum für Streetart machten.

Dieses Jahr gibt es bis zum 16. Oktober die zweite Live-Ausgabe zu sehen. Ursprünglich handelte es sich bei Backjumps um ein Sprayer-Magazin, das aus finanziellen Gründen eingestellt werden musste. Doch aus der Not erwuchs die Idee, aus der Zweidimensionalität auszubrechen und die Werke der Aerosol-Künstler nicht mehr bloß auf Fotos zu präsentieren, sondern die Original-Arbeiten auszustellen. Der Gründer der Zeitschrift, Adrian Nabi, wurde so zum Kurator. Für ihn kein großer Sprung, denn in Backjumps hat er ohnehin kein Magazin gesehen, sondern „eine ideologisch-psychologische Einstellung.“

Für die gegenwärtige Ausstellung erhielt Nabi staatliche Finanzhilfen: Mit 35.000 Euro unterstützt der Hauptstadtkulturfonds die Graffiti-Schau. Dabei hatte doch Bundesinnenminister Otto Schily in diesem Jahr die Daumenschrauben für die urbanen Kaligrafen angezogen und sie weiter kriminalisiert. Die Zeiten, in denen ein Sprayer wie Harald Naegli von deutschen Politikern als Künstler gefeiert wurde, während in der Schweiz der Haftrichter auf ihn wartete, sind eindeutig vorbei.

Die Presse, die die letzte Ausstellung noch bejubelt hatte, läuft Sturm – allen voran Springer. Vertreter des Vereins Nofitti kommen zu Wort und verteufeln die Veranstaltung. "Mit diesem Graffiti-Festival werden alle politischen Bemühungen, die auf null Toleranz gegenüber Graffiti-Straftaten abzielen, konterkariert, und die Graffiti-Szene erhält einen neuen Motivationsschub", schimpfte der Vorsitzende Karl Henning in der Berliner Morgenpost. Und so ganz Unrecht hat er damit nicht. Die Klebearbeiten von Swoon beispielsweise sind auch in der Stadt anzutreffen. Banksy, der vor zwei Jahren dabei war, bewegt sich mit seiner Kunst fern ab jeglicher Legalität.

„Gerade weil es eine aktuelle politische Diskussion um Graffiti gibt, muss es eine Auseinandersetzung um eine künstlerisch anspruchsvolle Formsprache der Streetart geben“, sagt Adrienne Goehler, der Kuratorin des Hauptstadtkulturfonds. Und diese Diskussion findet in Kreuzberg statt. Denn Backjumps zeigt auf, was Graffiti sein kann: Kunst, die sich aus dem Untergrund entwickelt hat. Und darum demonstrieren die Straßenkünstler auch unter dem Motto: „Mit Sicherheit stirbt Freiheit“. „Meine Tags waren richtig hässlich“, gibt Nabi zu, der selbst in 49 Fällen wegen Sachbeschädigung vor Gericht stand. Was sich aber aus seiner Liebe zum Graffiti entwickelt hat, ist beachtlich: Eine Kunstschau. „Straßenkünstler drücken sich im öffentlichen Raum aus, wie es auch ein Pantomimedarsteller oder ein Orgelspieler tut“, fasst Nabi seine Sicht zusammen.

Doch um die Gemüter zu beruhigen, die verstärktes illegales Writing durch die Ausstellung befürchten, verweist Nabi auf ein anderes Problem: „Das hier ist für Zugsprayer Kindergeburtstag.“ Denn auch intern wurde er kritisiert. Die Vorwürfe an die Backjumps-Macher: Narzissmus und Verrat an den subkulturellen Wurzeln. Der Gang in die Galerien und der Wunsch nach gesellschaftlicher Anerkennung behagt einigen aus der Szene nicht. Doch Nabis Antwort lautet: „Mir bringt das nix, wenn ich die ganze Zeit nur alten Kaffee aufgieße.“ Graffiti muss sich auch weiterentwickeln. Den Beweis tritt Backjumps an.

Weiterlesen im 2. Teil »


 
 



 

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