Wahlabstinenz
Was sind wir unpolitisch
Es stehen mal wieder Wahlen an in Deutschland. Und wie immer beklagen sich Parteien und Presse über desinteressierte Jugendliche. Aber vielleicht sind wir ja politischer, als man denkt
Das Problem: Ein Teil der jungen Erwachsenen in Deutschland geht einfach nicht wählen. Etwa 30 Prozent waren bei der letzten Wahl 2002 nicht an der Urne, nur ein kleiner Teil vertraut den deutschen Parteien und Politikern. Die Reaktion darauf kommt stoßweise, vor Wahlen. Sie heißt “Schlimme Jugend”. Darsteller sind einige ernst schauende Politiker, ein Fernsehprofessor mit Bart und vielleicht noch ein Jugendsoziologe vor einer Bücherwand. Fast immer fallen Begriffe wie “alarmierend” und “bedrohlich”. Ein Bildungsexperte fordert mehr Unterricht. Man erwartet schon fast von der Politik, dass sie solche Entwicklungen nur bei Bedarf sieht und dann möglichst einfache Antworten sucht. Manchmal wird es aber lächerlich: Was bedeutet es, wenn zwei Drittel der jungen Menschen den Parteien und Politikern nicht vertrauen? Antwort aus der Politmanege: Die Jugendlichen sind desinteressiert und müssen wieder mehr Werte und Wissen vermittelt bekommen. Clever gelöst: Nicht die Politik trägt die Schuld am Vertrauensverlust junger Menschen, sondern junge Menschen selbst.
Aber: Mehr als drei Viertel aller jungen Deutschen sind in Vereinen, Initiativen, Kirchen engagiert. An Demonstrationen und Unterschriftensammlungen nehmen Jugendliche überdurchschnittlich häufig teil. Und selbst die Wahlabstinenz hält sich im Rahmen: Seit 1990 fällt die Wahlbeteiligung 18- bis 25-Jähriger bei Bundestagswahlen nicht mehr. Es macht eben Sinn, sich mit seinem Umfeld zu befassen. Wenn politisch sein heißt, sich zu fragen, was um einen herum passiert, dann sind wir politisch. Es gibt ja auch allen Grund dazu. Wahrscheinlich steht uns keine besonders kuschelige Zukunft bevor. Klimaentwicklung, Terrorismus und Überalterung sind Probleme, denen wir nicht aus dem Weg gehen können. Wir müssen uns mit ihnen befassen.
Womit dieses Befassen aber immer weniger zu tun hat, sind die alten Strukturen von Parteien, Staat und Macht. Trotz
und
: Es macht nicht mehr viel Sinn, sich mit einer Überzeugung einer großen Partei anzuschließen. Im Kampf um Koalitionen und Stimmen sind vielen Parteien die Grundorientierungen verloren gegangen. Ihren Mitgliedern bieten sie kaum noch sturmfeste, nicht verhandelbare Kernansichten. Könnte ja sein, dass man in zwei Monaten mit dem Gegner koalieren muss. Gibt es heute noch eine Bürgerrechtsspartei? Oder eine, der der Kampf gegen Rechtsextremismus nicht nur als Sommerlochthema nutzt? Und überhaupt: Wieso Massenorganisationen vertrauen, die ein geschlossenes Weltbild anbieten, eine vordefinierte Haltung zu jedem Thema? Wer in die SPD eintritt wegen des sozialen Ausgleichs, kauft ihre Ansichten zum Thema Innere Sicherheit, Ökologie und Bildung gleich mit. Die sinnvollere Art, Veränderungen zu erreichen, geht an den Parteien vorbei. Sie funktioniert auf der Strasse, im Tonstudio, im Netz. Sie läuft fallweise und sie bindet nicht in Ideologien ein. Wer politisch ist, muss keiner Partei beitreten. Er muss sich nicht mal als politisch bezeichnen. Er muss sich fragen, was mit uns geschieht. Es gibt viele gute Gründe, zu glauben, dass wir das sogar öfter tun als unsere Eltern.
Von Christian Bangel